Die Shapeshifter-Akten

Akte Fearman, Akte Demetrius, Akte Daniel

Akte Fearman - Band 1 - Dunkle Zeiten

Genre: Fantasy/ Urban-Fantasy

Trivia: Die Reihe wurde mit Akte Daniel begonnen – sie wurde gemeinsam von Neko Hoshino (aka Julia Rosenthal) und mir verfasst, ebenso die Akte Demetrius. Zeitlich verlaufen diese Büche rückwärts. Neko hat sich entschlossen, die Reihe nicht weiter fortzuführen. Mit Akte Fearman habe ich der Reihe ein Fundament gegeben. Ursprünglich war die Story in ihren Grundzügen eine Challenge von Simon Rhys Beck gewesen. Im Wesentlichen jedoch blieb nur Fearman übrig. Eine Figur, die erarbeitet werden will. Gelesen werden können die Bücher ohne Beachtung der Reihenfolge. Sie sind jeweils in sich abgeschlossen mit verschiedenen Schwerpunkt.

Status: Akte Fearman 1, Akte Demetrius, Akte Daniel beendet und veröffentlicht. Akte Fearman 2 wird derzeit geschrieben und ist zu 80 % fertig. Geplant ist ein Abschlussband, so dass es insgesamt 5 Bücher sein werden.

Credits & Informationen

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Verlag: Deadsoft

Erschienen im Mai 2017. Erhältlich im normalen Buchhandel sowie bei amazon und auch bei anderen Online-Händlern.

Preis: 12,95 € (print)/ 5,99 € (ebook)

ISBN: 3960891024 bzw. 978-3960891024

Klappentext: Als Jean Freeman nach Jahren in die Sümpfe Louisianas zurückkehrt, glaubt der Pantherwandler, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges hinter sich gelassen zu haben, doch seine Familie ist fort – von Unbekannten entführt. Die einzige Spur führt ihn zurück nach Europa.
Zwischen Trümmern und Elend erwächst in London eine neue Gefahr für Wandler wie Jean: Die Foundation möchte da weitermachen, wo die Nazis aufgehört hatten. Nur der Ordo stellt sich dem entgegen und Jean wird erneut gegen seinen Willen in einen Krieg hineingezogen. Wem soll er trauen? Und warum sollte er sich ausgerechnet von Nathaniel, einem Wolf, der selbst alles verloren hatte, helfen lassen, seine Familie zu finden?

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Leseprobe

 

0

3 Meilen südlich New Orleans
in den Sümpfen von Louisiana,
Dezember 1947

Die Luft stand still und nicht einmal das Zirpen der Zikaden war zu hören. Die Stille war nicht normal, hatte jedes Geräusch erstickt, seit Jean die Lichtung betreten hatte. Sogar noch früher. Doch in diesem Moment wurde es ihm bewusst. Schweiß lief ihm den Rücken und die Schläfen hinab. Mücken hätten längst über ihn herfallen müssen. Aber er hörte auch das penetrante Summen der Blutsauger nicht.
Er starrte nur auf das Haus vor sich, das einsam und verlassen dastand. Ein falsches Bild. Hier hätte Kinderlachen sein müssen, Rauch aus dem Schornstein, eine Mutter, die nach ihren Kindern rief.
Jean konnte keinen Muskel bewegen, denn er wusste: Was er gleich im Haus vorfand, würde alles zerstören, was seine Welt ausmachte.
Sein Atem ging schwer. Er schloss seine Hände zu Fäusten und öffnete sie mit Mühe wieder.
Jean bückte sich und zog sein Messer aus dem Stiefelschaft. Langsam erhob er sich wieder und näherte sich mit vorsichtigen Schritten dem Haus.
Je näher er kam, umso mehr Details fraßen sich in seine Wahrnehmung, machten ihn wahnsinnig. Der halb herunterhängende Fensterladen, die Treppenstufe, deren Reste noch unberührt an Ort und Stelle verblieben waren, die halbzertrümmerte Tür, die jedoch jemand wieder zugezogen hatte. Es war daher nur von Nahem zu erkennen, dass hier etwas Grauenhaftes geschehen war. Dass etwas passiert war und dass die Menschen, die in diesem Haus gelebt hatten, hier nicht mehr sein konnten, war offensichtlich. Jean schmeckte die Gewalt, die Schreie, die schon lange verstummt waren, und er roch den Tod, der hier seine Ernte eingefahren hatte.
Er schloss seine Finger fester um den Messergriff. Mit jedem Schritt wurde er eine Spur langsamer, lauernder.
Sein Verstand wusste, dass die Idee, noch eine lebende Person zu finden, die mit dem Geschehen hier etwas zu tun hatte, absurd war. Doch sein Herz fürchtete die Geister, die er in diesem Haus vorfinden würde. Und es mussten Geister sein.
Mit der freien Hand schob Jean die Tür auf, die augenblicklich aus ihrer provisorischen Verankerung fiel. Vögel schreckten auf und flohen aus den lichten Baumwipfeln kreischend in den Himmel. Jean achtete nicht auf sie. Er starrte nur in das Zwielicht des Hauses.
Er wusste, er war gut im hineinströmenden Tageslicht zu erkennen und wenn sich doch jemand im Haus befinden würde, könnte er ihn ohne Schwierigkeiten erschießen. Aber das war Jean egal. Das, was er roch, blockierte alles in ihm. Jeden Gedanken, jede Bewegung. Sogar seine Gefühle hörten auf zu existieren.
Schwer, metallisch. Blut.
Jean schüttelte den Kopf.
„Nein!“
Es war nur ein Wort, aber es brach den Bann, unter dem er stand. Er stürzte fast ins Hausinnere. Niemand war hier, das wusste er jetzt mit letzter Gewissheit. Aber er wusste auch, dass hier mindestens ein Mensch gestorben war und das schon vor langer Zeit.
Wo war seine Tochter? Wo waren die Kinder?
Und wo war Robert, der Mann seiner Tochter? Dieser Taugenichts! Er hätte sie alle beschützen müssen!
Madeline, Prudence und Louis. Das durfte nicht ihr Blut sein!
Staub wirbelte auf und legte sich wieder auf den riesigen, dunklen Fleck, der sich einmal ungehindert auf den ehemals glänzenden Dielen ausgebreitet hatte.
Die Zeichnung eines Kindes war in dem Blut festgebacken. Laub lag überall. Und als Jean sich von dem Anblick losreißen konnte, sah er die Kampfspuren. Einschusslöcher, zersplittertes Holz, das zerbrochene Puppenbett, Zigarettenstummel und Kratzer im Lack der Dielen. Jean sank auf die Knie und blickte um sich, ohne es wirklich erfassen zu können.

Es war Nacht, als er wieder zu sich kam.
Nur unter Aufbietung all seiner Kraft verwandelte er sich halb in etwas, das weder menschlich noch tierisch war. Dort, wo nackte Haut gewesen war, schimmerte jetzt glattes, schwarzes Fell. In einem Reflex öffnete er seine Lippen und entblößte weiße Fangzähne, während die ebenso weißen Tasthaare in seinem Gesicht ein wenig länger wuchsen und die Ohren ihre Form veränderten.
Doch die Verwandlung verharrte in einem Zwischenstadium. Nicht ganz Mensch, nicht ganz Tier. Noch immer zweibeinig, erhob sich Jean. Jetzt konnte er die verblassten Duftmarken seiner Familie riechen – und die der Fremden, die sich hier gewaltsam Zugang verschafft hatten.
Jean verbat sich vorzustellen, was seiner Familie geschehen war. Er musste wissen, was genau passiert war und ob jemand überlebt hatte. Dazu brauchte er seine ganze Kraft und einen heilen Verstand.
Systematisch durchmaß er alle Räume. Als er jedoch oben in das Zimmer der Kinder kam, blieb er länger, berührte die wenigen, aber innig geliebten Spielsachen, die dort noch immer lagen und die niemand an sich genommen hatte. Jean verwandelte sich wieder ganz in seine menschliche Form, als er sich hinhockte und die selbstgenähte Puppe hochhob. Vorsichtig machte er sie sauber und presste sie gegen sein Gesicht, nahm den vertrauten Duft auf.
Er konnte beide Kinder noch immer an ihr riechen. Prudence. Es war ihre Puppe, aber Louis nahm sie ihr immer gerne weg, um sie zu ärgern.
Hart presste er die Zähne aufeinander. Das Blut im Erdgeschoss war das eines einzigen Menschen und auch, wenn es viel Blut war, so war es dennoch möglich, dass die Kinder noch lebten. Er schloss die Augen. Hoffnung war grausam, aber er wollte im Moment nicht ohne sie sein, da er nicht wusste, ob er ohne sie noch würde leben können.
Als er wieder die Augen öffnete, fiel sein Blick auf den offenstehenden Wandschrank. Die Kratzer auf dem Boden erzählten davon, wie jemand herausgeschleift worden war. Jean erkannte auch hier die Duftspuren seiner Enkelkinder. So, wie es aussah, hatte man sie in ihrer Tiergestalt mitgenommen. Die Entführer mussten sie bei Nacht geholt haben. Aber auch so hätten sie keine Chance gegen diese gehabt.
Jean trat näher und sah sich das Chaos im Schrank an. Halb unter Sachen vergraben, entdeckte er Kratzer im Holz. Eilig schob er die Kleidungsstücke beiseite. Zeichen waren in das Holz geritzt worden. Zeichen, die noch nicht da waren, als er damals das Haus verlassen hatte und in diesen unglückseligen Krieg am anderen Ende der Welt gezogen war.
Es waren Buchstaben, so viel verstand Jean und nach einem Moment des Zögerns neigte er den Kopf, da er wusste, dass Buchstaben so zu lesen waren. Was sie bedeuteten, konnte er nicht sagen, aber er merkte sich jede einzelne Linie und jedes Absetzen des Nagels, der als Werkzeug verwendet worden war. Dieser war in die Ritzen der Dielen gerutscht. Jean hockte sich hin und zeichnete die Buchstaben nach, bis sie auch in seine Erinnerungen eingeritzt waren.

L O N D O N

Er würde herausfinden, was diese Buchstaben bedeuteten und er würde seine Familie finden. Aber auch diejenigen, die ihnen das angetan hatten. Mit einem Schrei verwandelte sich Jean erneut. Wurde ganz zu dem Panther, der er war.
Mit nur wenigen mächtigen Sätzen sprang er aus dem Haus. Es war keine wirkliche Hoffnung, die ihn antrieb, aber er konnte nicht bleiben und so machte er sich auf die Suche.

 

1

London, London City
Frühjahr 1948

„Weg da!“, schrie der Fahrer eines altersschwachen Dampfwagens und hupte energisch, um ihn von der Straße zu jagen. Jean unterdrückte einen Fluch und den Drang, etwas Passendes zu erwidern, als er buchstäblich im letzten Moment auf einen Ruinenhaufen gesprungen war, wo ihn das Auto nicht überfahren konnte. Sein Blick fiel dabei kurz auf einen dieser sogenannten Bobbys, einen Londoner Polizisten, der unweit von ihm stand. Mit einer Hand auf seinem Prügel und der anderen an der Pfeife, sah er ihn misstrauisch an. Jean wusste, dass er einen fast olympiareifen Sprung vor Zeugen gemacht hatte, wie er ihn einmal im Kino gesehen hatte. Er konnte sich daher denken, dass der Polizist überlegte, ob er ihn im Zweifel zu bändigen vermochte. Schnelle Bewegungen von schwarzen Menschen waren weißen Männern immer suspekt.
Bobby – so nannten die Menschen auf dieser Insel vor dem Festland Europas ihre Polizisten. Es klang harmlos, niedlich, aber in keinem Teil der Welt waren Polizisten harmlos oder gar niedlich.
Jean wusste nur zu gut, dass es besser war, wenn er nicht zu sehr auffiel, was an sich schon ein Ding der Unmöglichkeit darstellte. Er war dafür zu groß, zu kräftig und zu dunkel. Seine Schnelligkeit und Wendigkeit waren da wohl nur noch beängstigende Details.
Daher war es umso wichtiger, dass er seine Gefühle kontrollierte. Er hatte zu wenig Zeit, um sich noch mit der Staatsgewalt anzulegen. Seine Suche hatte gerade erst begonnen und schon schien er am Ende seiner Möglichkeiten zu stehen.
Einmal mehr vermeinte er, den Geruch von Metall, Schwarzpulver, Blut und Staub zu riechen. Darüber lag der vage Hauch von Gewalt und Abweisung – und es lag etwas grauenhaft Vertrautes darin.
Aber das allein war es nicht. Nicht nur die Gedanken an sein zerstörtes Zuhause quälten ihn und lagen schwer auf seiner Seele. Er war zurück, auf einem Kontinent, den er erst vor kurzer Zeit verlassen hatte und hier lagen, ebenso wie in Deutschland, Erinnerungen, die er nicht abzuschütteln vermochte. Diese vermischten sich mit dem, was er in Louisiana vorgefunden hatte, fügten Öl und Verwesungsgestank und die zerstörten Attribute der Zivilisation hinzu.
Seit Dover war er jetzt schon mehrere Tage unterwegs und hatte bisher nichts weiter als ein Taschentuch und einen Zettel mit Worten gefunden. Das Taschentuch war Madelines. Er war sich dessen sicher und doch hatte ihn das nicht weitergeführt.
Jean wich den Menschen aus. Es war, als hätten sie es auf ihn abgesehen. Andere jedoch machten einen derart großen Bogen um ihn, dass es lächerlich war. Einmal mehr musste er an einer der vielen Ruinen vorbei. Es brauchte kaum Wind und ganz sicher nicht die Sonne, die für einen Frühsommer schon erstaunlich kräftig schien, um den Geruch der Leichen zu ihm zu tragen. Aber das war er mittlerweile gewohnt. Es gab fast keinen Stadtteil, den er nicht durchstreift hatte. Sei es, um endlich ein Obdach zu finden oder um auf dem Schwarzmarkt einzukaufen. Seine Lebensmittelkarten reichten nicht und der Hunger kratzte an seiner Selbstbeherrschung.
Heute oder morgen musste er Arbeit finden. Seine Mittel waren erschöpft und selbst wenn ihn die unzähligen Hauseigentümer mit einem „Alles voll! Hau ab!“ nicht sowieso ständig von der Schwelle jagten, so war er derzeit nicht einmal in der Lage, auch nur die Ecke einer Matratze zu mieten. Arbeit zu finden wurde dringend und doch wollte Jean den Moment so lange wie möglich hinauszögern.
Er verlor Zeit. Schon jetzt war er zu langsam. Und nach der winzigen Spur in Dover fühlte sich London wie eine Sackgasse an. Diese Stadt lehnte ihn ab.
Jean blickte sich um, versuchte sich zu orientieren. Unweit vor ihm lag die Themse, wusste er mittlerweile. Seine Füße hatten ihn mitten in die Stadt getragen. Er wusste, dass es hier einen Hafen gab. Einen weiteren gab es am Stadtrand. Aber dieser hatte ihn bei seiner Suche nicht weitergebracht.
Sein Blick blieb bei einem Zeitungsstand hängen, auf dem Wort „Dover“. Dieses kannte er gut genug.
„Verdammte Affen“, schimpfte ein Mann, der seine Zeitung so ruppig zusammenfaltete, dass sie fast zerriss.
„Erst kaufen, dann lesen“, fuhr der Zeitungverkäufer Jean an.
Er wich zurück und schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht gelesen!“
„Dann steh hier nicht rum und vergraul mir meine Kunden!“
Jean wollte sich schon abwenden, blieb dann aber doch stehen.
„Was ist? Ich habe keinen Speck in der Hose und zu klauen gibt es hier auch nichts. Scher dich fort!“
„Sir, könnten Sie mir sagen, wo ich Arbeit finde?“, fragte Jean und ignorierte die Beleidigung.
„Arbeit? Du willst arbeiten? Verdammt, die ganze Stadt muss aufgebaut werden. Es gibt mehr als genug Arbeit. Aber ob du das kannst? Ist dir vielleicht zu hart?“
„Ich kann arbeiten, Sir!“
„Sir!“ Der Mann grinste und schob seine Mütze in den Nacken. „Ich bin ein Sir! Wenn du arbeiten willst, findest du überall was. Wenn du aber zusätzliche Mahlzeiten suchst, soll es in den Häfen was geben. Tilbury. Vielleicht auch hier gleich um die Ecke in den Docks. Aber ich bin nicht die Auskunft. Wirst schon selbst fragen müssen.“
Jean wollte die Geduld des Mannes nicht weiter strapazieren, tippte sich an die Stirn und ging. Für eine zusätzliche Mahlzeit war er bereit, so einiges zu tun. Wenn er zudem nicht noch einkaufen musste, verlor er keine Zeit und konnte die ganze Nacht nutzen, um die Stadt zu durchsuchen.
Er verwarf aber den Hinweis auf Tilbury. Dort hatte er bereits gesucht. Er musste hier in der Nähe des Stadtzentrums bleiben.
Damit war für ihn entschieden, dass er sich als Tagelöhner in den Docklands verdingen wollte.

2

Hauptquartier des Ordo Divinatio in Großbritannien,
London, Stadtteil Tower Hamlets,
Watts Grove & Devons Road

„Fünf Eulen, zwei Kaninchen, eine schwarzbunte Kuh, eine Schlange, drei Hunde, davon ein deutscher Schäferhund, zwei Pferde, sieben Empathen, drei Telepathen, darunter ein latenter Kinetiker, vier Pyromanten …“ George Brenfield sah von seiner Liste auf. „Vier?“, fragte er nach und blickte über den Brillenrand zu David Hawkins, der die einzelnen Punkte auf seiner eigenen Liste mit dem Finger nachfuhr.
„Vier, aber sie sind uns schon bekannt und von der Niederlassung in Hamburg bestätigt. Ausgebildet und im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten.“
George brummte. „Wir sind nicht einmal annähernd fertig mit der Registrierung. Wie viele Kriegsgefangene haben wir?“
„Letzte Zählung, wenn die Statistik stimmt, 375.000. Davon nach jetzigem Stand 15.000 hier in unserer schönen Heimat.“
„Du willst doch der britischen Armee nicht unterstellen, dass sie sich verzählt?“
„Wo käme ich da hin?“, meinte David. „Aber es sind erstaunlich viele Nachtlinge unter den restlichen deutschen Kriegsgefangenen. Es macht mir, ehrlich gesagt, ein wenig Sorge. Wir haben zum Glück alle registrierten, kriegsgefangenen Nachtlinge hier und auf dem Festland in Lagern unterbringen können, die von uns eingeweihte Kommandanten vor Ort haben. Es wird sonst schwer, sie alle unter Kontrolle zu halten.
Mit der Zählung insgesamt sind wir aber auch noch lange nicht durch und ich denke, es werden weit mehr Begabte bei den Gefangenen sein, als wir feststellen können. Aber das braucht nicht unsere Sorge sein, solange sie es schaffen, sich um sich selbst zu kümmern. Ansonsten rechne ich damit, dass die Nachtlinge innerhalb eines halben Jahres mit einem regulären Kontingent zurück nach Deutschland gebracht werden.“ David machte eine kleine Pause in seinen Ausführungen, bevor er das Thema wechselte: „New York will außerdem so schnell wie möglich selbst die Versorgung sicherstellen, so dass wir uns besser um unsere eigenen Leute kümmern können. Die Chefs versuchen beim Minister eine entsprechende Dringlichkeit für unsere Lager durchzubringen, was die Versorgung angeht. Dann dürften wir eine Sorge weniger haben und Hamburg kann sich wieder um die deutschen Nachtlinge direkt kümmern, sobald die Niederlassung dort wieder steht. Ich hoffe nur, dass unser Hauptquartier dann längst wieder voll handlungsfähig ist.“
„Sehe ich auch so. Peter fragte übrigens, warum wir uns überhaupt um die Feinde des Commonwealth scheren.“
David schnaufte und tippte mit seinem Bleistift auf die Tischplatte. „Dummkopf.“
George lachte und schob die Brille wieder ein wenig zurecht. „Es gibt immer Dummköpfe, mein Lieber. Auch der Ordo ist vor solchen Geistern nicht gefeit. Aber ich stelle mir gerade ein paar ziemlich aufgebrachte deutsche Nachtlinge vor, die man nicht ausreichend versorgt und in einem Lager festhält. Ich glaube, das möchte hier keiner in der Zeitung lesen.“
„Zwei Eulen, ein Bär, zwei deutsche Schäferhunde und eine schwarzbunte Kuh griffen in der vergangenen Nacht einen Bauern in der Gegend von Plymouth an“, fabulierte David munter und klang dabei wie der Nachrichtensprecher im Radio. „Sie sprachen mit deutschem Akzent und verlangten die Herausgabe einer Kuh. Als der Bauer dem nachkam, verwandelten sich die Tiere in deutsche Soldaten, schlachteten das arme Tier und grillten es daraufhin über offenem Feuer, um es dann in Gesellschaft weiterer Fabelwesen zu verspeisen.“
Natürlich war es Humbug, dennoch konnte George seine Angst nicht verbergen. Mit jedem weiteren Wort schoss ihm immer mehr Blut ins Gesicht. „David“, zischte er, „das ist nicht witzig!“
„Doch, ist es“, meinte der und wirkte unschuldig wie frisch gefallener Schnee. Fügte dann aber im ernsten Ton hinzu: „Aber wir müssen uns dringend um ihre Rationierung kümmern, sonst fressen sie den Kommandanten auf.“
George seufzte. Der Punkt stimmte. Fast war er jedoch versucht, Davids Nonsens noch weiter zu widerlegen. Denn etwas Entscheidendes stimmte nicht: Kein Nachtling konnte in seiner Tierform sprechen. Aber das hieße, sich weiter auf die alberne Geschichte einzulassen.
David blickte über seine Papiere und lächelte verschmitzt. „Ich denke, wir sind über das Gröbste hinweg. In einem Jahr sind die meisten Deutschen in ihrem Land zurück und damit erst einmal nicht unser Problem. Ich habe New York telegrafiert, dass wir weitere Unterstützung benötigen – auch für den regulären Betrieb. Die Rationierung stranguliert uns so langsam. Sie denken, wir kämen mit der letzten Lieferung sowie der Überweisung aus. Ich habe ihnen widersprochen.“
„Dummköpfe“, knurrte jetzt George, was seinerseits David zum Lachen brachte.
„Mir sagte ein weiser Freund, auch der Ordo sei vor solchen Geistern nicht gefeit.“
George ließ seine Liste sinken. „Genug, mein Lieber. Machen wir eine Pause.“ Er zog eine Schublade auf und fischte nach seinem Tabakbeutel und einer kostbaren Pfeife, um diese dann zu stopfen. „Susan?“, rief er laut durch die offene Tür. „Liebes, haben wir noch ein wenig Tee?“
Sie war ein Lichtblick in den langen und dunklen Tagen seiner Arbeit, die ihm von Tag zu Tag schwerer zu werden schien. Sie rollte mit ihrem klapprigen Drehstuhl zur Tür und blickte sie beide lächelnd an.
David hatte sich gleich ein wenig gerader hingesetzt. Er hatte etwas für die junge Frau übrig, aber auf mehr als einen Flirt ließ sie sich nicht ein. Sie war eine Klasse für sich. Auch jetzt versuchte er es mit einem breiten Lächeln und verstohlenen Gesten.
Susan ignorierte es und beantwortete nur Georges Anfrage: „Ich fürchte nicht. Aber heißes Wasser habe ich noch.“
„Susan, das kann nicht dein Ernst sein!“
Susan wirkte nicht sonderlich bekümmert, was George einerseits bestätigte, dass sie seinen Humor verstand, andererseits ließ es ihn mit seinem Schicksal hadern, denn ihre Antwort war eindeutig: „Das ist mein Ernst. Ich habe mit Thorne gesprochen, der will noch versuchen, Tee zu einem einigermaßen adäquaten Preis auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Aber solange werden wir warten müssen.“
George stöhnte. So schnell war mit Nachschub nicht zu rechnen.
„Holt er noch andere Sachen?“, fragte David ganz pragmatisch.
„Ja, Tabak, Tee, Kaffee für Mirella, Kleidung für die Kinder, Kartoffeln, Getreide, Salz, Zucker. Eben alles, was er bekommen kann. Die Trupps sind ebenfalls unterwegs, um bei befreundeten Bauern das eine oder andere zu bekommen. Aber wegen der Kontrollen ist es schwer, was von den Ernten beiseite zu schaffen. Thorne will versuchen, dass wir auch bei den Kontrolleuren jemanden bekommen, der für uns wegschaut. Ich habe mit einer Sekretärin beim Ernährungsministerium gesprochen. Sie ist eine von uns und möglicherweise bekommen wir Zugang zu weiteren Lebensmittelkarten. Wir müssen das dann nur so verteilen, dass es nicht auffällt.“
„Gute Idee, Susan“, lobte George und bestellte dann heißes Wasser für drei.
Susan nickte freundlich und rollte wieder zurück. Sie kam jedoch gleich darauf mit einem Tablett und drei Porzellantassen mit heißem Wasser zurück.
Ehe sie aber die Tassen an die Lippen setzen konnten oder George überhaupt einen Zug aus seiner Pfeife nehmen, wurden sie rüde unterbrochen.
„Ich habe ihn“, rief Castor und wedelte aufgeregt mit zwei Zetteln in der Hand herum. Wenn die Tür nicht offen gestanden hätte, so wäre Castor sicherlich einfach hindurchgelaufen.
George stellte seine Tasse wieder ab und blickte dem Analysten hoffentlich freundlich entgegen. So sicher war er sich nicht, ob sein Gesichtsausdruck nicht deutlich zeigte, dass er sich nach einer Pause sehnte.
Aber Castor hatte andere Sorgen und schien nichts zu bemerken, da er erst vor dem Schreibtisch zum Stehen kam.
David schnaufte derweil und trank dann ungerührt von dem Wasser, wobei er sich bestimmt vorstellte, es wäre Tee.
„Ich habe ihn“, wiederholte Castor und knallte die Zettel auf den Schreibtisch, wobei er das geordnete Chaos darauf einfach ignorierte.
„Wen hast du?“, erbarmte sich George endlich nachzufragen.
„Ihn!“
David riss die Augen auf, während Susan ernsthaft Probleme mit ihren Gesichtsmuskeln hatte.
„Ihn, den Panther!“
„Der ist ein Hirngespinst, Castor. Es gibt keine Panther in Großbritannien. Wir haben schon genug mit Hunden und Wölfen zu tun.“
„Aber er ist von Trackern gesichtet worden.“
„Wo?“, fragte nun David und richtete sich alarmiert auf.
„Dover, und jetzt kam die Bestätigung für London. Von Lilith und Thomas gesichtet.“ Castor nahm die Zettel wieder an sich, die sich als ein Telegramm und ein Botenzettel entpuppten. „Sichtung Panther mögliche Gattung Jaguar bestätigt Stopp Einreiseregistrierung in Dover mit Namen Jean Freeman Stopp US-Amerikaner Stopp Größe geschätzt 6 Fuß Stopp Gewicht geschätzt 190 Pfund Stopp Erbitten Anweisungen Stopp Lilith. Und hier, der Botenzettel kam gerade rein: Bestätige Sichtung aus Dover und bestätige erneute Sichtung in London. Identischer Mann. J. Freeman arbeitet in den Docklands als Hafenarbeiter. Verwandlung ist in der letzten Nacht bestätigt worden. Ausgewachsener Panther.“
George schossen bei den Worten gleich mehrere Gedanken durch den Kopf. Der eine war, dass Telegramme dem Ordo ein Vermögen kosteten. Der andere war, dass sie mit dieser Meldung gerade einen ganzen Haufen weiterer Probleme bekommen hatten.
„Oh mein Gott!“, hauchte Susan.
„Genau!“, bestätigte David.
Castor blickte triumphierend in die Runde. „Ich sagte doch, dass es Sichtungen eines Panthers in Dover gegeben hat und jetzt ist er in London aufgetaucht. Ich habe Lilith und Thomas gebeten, sich das näher anzuschauen.“
„Und, was macht der Mann jetzt in London und was hat er in Dover gemacht?“, fragte George und musste sich räuspern, da ihm eindeutig die Stimme abhanden zu kommen drohte.
„Das kann ich nicht sagen. Es hatte schon vorher ein Telegramm gegeben, aber das ist wohl verloren gegangen.“
„Ich hoffe, Lilith und Thomas haben dafür nicht bezahlt“, meinte George schlecht gelaunt und erntete dafür einen amüsierten Blick von David.
„Wir müssen uns um den Mann kümmern“, erinnerte Castor ihn an das Entscheidende.
„Ich denke ja schon nach. Ich frage mich nur, was ein Amerikaner hier in Großbritannien will. In Übersee ginge es ihm besser. Keine Rationierung und nur ein paar beschissene ehemalige Sklavenhalter. Ansonsten hätte er schon mal keinen Hunger, was für einen Nachtling seiner Größe ein entscheidender Vorteil ist.“
„Wenn er die Kontrolle verliert, gibt es ein Blutbad“, flüsterte Susan.
George blickte Susan an und nickte. „Genau das!“
„Wir sollten einen Tracker schicken.“
„Lilith und Thomas sind da.“
„Lilith sollte überhaupt kein Tracker sein“, widersprach David heftig. „Das ist viel zu gefährlich für eine Frau.“
„Soweit ich mich erinnern kann, mein Lieber, hat die junge Dame dich mit zwei Fingern auf die Matte geschickt“, widersprach George. Susan und Castor blickten ein wenig selbstgefällig zu David.
„Trotzdem, sie ist eine Frau …“
„Ausgezeichnete Beobachtungsgabe. Das ist aber nicht der Grund, warum ich denke, dass es ein anderer Tracker sein sollte.“
Castor und Susan blickten jetzt George erwartungsvoll an.
„Ich denke an Nathaniel. Er hat die Sache mit dem Wolfsrudel in London geregelt. Er kennt sich mit schwierigen Fällen und großen Raubtieren aus. Ich will diesen Nachtling jederzeit unter Kontrolle wissen. Und ich will nicht, dass ein Bericht über ein Massaker in der Zeitung erscheint. Zur Not müssen wir ihn einfangen und zurück in die USA verfrachten.“
„Ich werde Nathaniel informieren“, erklärte Susan. „Er soll sich mit Lilith und Thomas in Verbindung setzen und die Sache klären. Welche Befugnisse gibst du ihm für den Auftrag?“
„Alle, die er braucht. Volle Unterstützung“, befahl George. „Ich will in zwei Tagen ein Einsatzkommando in der Stadt haben. Sie sollen sich bereithalten. Medizinische Ausrüstung und Betäubungsmittel. Verdammt, der Nachtling kostet uns alle Reserven. Was sucht er hier?“
David seufzte mit George zusammen, der traurig auf seine Pfeife hinabblickte. Sie hatte allein vor sich hin gepafft und war jetzt ausgebrannt. Der kostbare Tabak! Das war schon eine Tragödie für sich.
Susan schrieb noch am Tisch ein Memo und nippte an dem mittlerweile lauwarmen Wasser, ohne eine Miene zu verziehen. „Wir sollten uns, solange es geht, bedeckt halten“, sagte sie. „Wenn er zurückgeht, übergeben wir seinen Fall an New York, damit sie ein Auge auf ihn haben. Wer weiß, was er will. Wenn er allein zurechtkommt, dann sollten wir ihn nicht stören. Wir haben eigene Probleme und können nicht auch noch die von New York lösen.“ Sie schaute auf, als sie einen Punkt hinter ihren letzten Satz gesetzt hatte. „Im Moment sind wir mit den Kriegsgefangenen, den Waisenkindern und den verletzten Begabten und Nachtlingen bestens beschäftigt. Ein Amerikaner auf Sightseeing sollte nicht unser Problem sein.“
„Meine Liebe!“ George lächelte sie an. „Deine nüchterne Art schlägt mir manchmal auf den Magen. Ich dachte, Frauen wären empathischer.“
„Und ich sage immer noch, dass Lilith keine Trackerin sein sollte“, warf David ein. „Du siehst, was die Arbeit aus weichen und warmherzigen Frauen macht!“ Er zuckte unter Susans Blick zusammen.
„Ich würde sagen, dass du dir genau überlegen solltest, was du hier von dir gibst. Ansonsten erzähle ich Lilith, was du über sie denkst“, erklärte sie zuckersüß.
George verbarrikadierte sich hinter seiner Pfeife, die zu seinem Leidwesen noch immer kalt war. Aber er würde sich heute keine mehr anzünden. Schon eine pro Tag war ein unerhörter Luxus. Davids hilfesuchenden Blick ignorierte er. Aber als Susan ihn anschaute, blinzelte er überrascht.
„Und möchtest du auch noch etwas sagen, Chef?“, fragte sie und George stellten sich die Nackenhaare auf.
„Du bist eine warmherzige und empathische Frau?“, sagte er leise – und es war keine Entschuldigung.
Susan nahm die Bemerkung dennoch als Entschuldigung an. „Ich werde Nathaniel suchen“, sagte sie und verließ Georges Büro.
„Wo ist er eigentlich?“ David suchte seine Notizen durch.
„Er hatte sich zuletzt aus dem Sherwood gemeldet, aber das hat nichts zu heißen. Wenn ich könnte, würde ich ihm einen Partner zur Seite stellen. Doch er ist Einzelgänger durch und durch und keiner kann es mit ihm lange aushalten.“
„Deshalb?“, fragte David.
„Deshalb was?“ George nippte an seinem Wasser und verzog das Gesicht.
„Deshalb willst du ihn für einen einzelgängerischen Panther?“
George überlegte und zuckte dann mit der Schulter. „Ist nur so eine Idee. Meine letzten Großkatzen hatte ich in Afrika und das waren Löwen. Es gibt aber auch unter denen Einzelgänger. Insbesondere, wenn sie männlich und zu jung oder zu alt fürs Rudel sind. Panther sind aber von Natur aus weniger auf Gesellschaft aus. Ich bin aber kein Experte. Es wäre gut, wenn wir Sucre kontaktieren und ein paar Informationen über Panther und Jaguare einholen. Was mich geradewegs zu der Frage führt: Wieso hat ein Mann afrikanischer Abstammung einen Panther in sich? Ich hätte eher auf einen Löwen getippt.“
„Ich glaube, dahinter steckt eine interessante Geschichte. Andererseits ist er vielleicht auch ein Leopard. Da gibt es auch Panther und die gibt es wiederum in Afrika“, meinte David. „Aber Susan hat recht: Wir haben schon jetzt zu kämpfen und auf einen Plausch bin ich nicht aus. Wenn er wüsste, dass es uns gäbe, hätte er Kontakt gesucht. Besser ist, er bekommt erst in New York mit, dass es den Ordo gibt und die können sich dann um ihn kümmern. Was gleich zur nächsten Liste führt: Die Waisenkinder.“
Castor blickte von George zu David. Stumm zuckte er mit der Schulter, damit war sein Problem wohl in Arbeit und er ging zu Susan, die den letzten Aufenthaltsort ihres Einzelgänger-Trackers Nathaniel Talbot herausfinden musste.
George grinste nur verhalten und nickte David zu. „Dann weiter. Wie sieht es aus? Haben wir endlich die Hauskatzenbande unter Kontrolle bekommen?“
„Der Anführer heißt Tom, seine rechte Hand ist ein Alphaweibchen. Sie heißt Vicky, wahrscheinlich von Viktoria. Die Tracker haben sich ihnen bisher nicht nähern können. Sie sind absolut misstrauisch. Den Namen haben wir von einer Eingeweihten, sie heißt Betty Picking, Witwe und arbeitet als Krankenschwester im St. Barts. Sie gibt sich als nette Nachbarin aus und füttert die Kinder in der Nacht. Sie lassen sich aber weder in ihrer Katzenform noch als Mensch auf irgendjemanden ein. Nicht einmal sie darf sie berühren. Mrs Picking berichtete, dass mindestens eines der Kinder seit drei Tagen verschwunden ist. Sie vermutet, dass es ein Mädchen ist, die sich Cockney nennt und mit einer graubunten Katze identisch ist. Seit dem Verschwinden von Cockney sind die Kinder noch misstrauischer gegenüber Menschen einschließlich ihr geworden.“
„Verdammt!“ George schnaufte und schüttelte sich. „Wir verlieren die Kinder und ich dachte, wir können sie endlich reinholen. Diese Betty! Kann sie uns noch weiterhelfen?“
„Sie will nicht wirklich zum engeren Kreis gehören. Ich habe sie gefragt. Aber sie will uns bei den Kindern aktiv unterstützen. Letzte Zählung: sieben Kinder.“
„In Ordnung. Versuchen wir sie etwas zahmer zu bekommen. Sie können nicht da draußen bleiben.“
David machte sich Notizen. „Der Panther“, kam David zurück auf das andere Problem. „Wenn Susan Nathaniel erwischt, soll er versuchen herauszufinden, was der Mann hier in London will. Niemand bei Verstand kommt in diesen Teil der Welt, wenn er es besser haben kann.“
„Was denkst du?“, fragte George und spielte mit seinem Ehering, während er das Telegramm betrachtete.
„Ich weiß nicht“, gestand David. „Es ist nur ein schlechtes Gefühl. Wir haben viele Fremde im Land, die der Krieg angespült hat. Alles ist im Umbruch. Doch niemand, der hier ist, kam ohne Grund. Es könnte wichtig sein. Ob wichtig für uns, müssen wir dann herausfinden. Ohne uns in die Karten sehen zu lassen, sollten wir versuchen, etwas über den Mann herauszufinden. Vielleicht kontaktierst du New York. Möglich, dass die schon etwas wissen. Das könnte uns die Arbeit erleichtern.“ Er machte sich eine Notiz. „Ich erledige das. Außerdem wollte ich sowieso noch ein Betteltelegramm schicken.“
George verzog das Gesicht. Das mussten sie wohl tun, wenn sie mehr als nur überleben wollten. „Sie sollen uns auch noch Unterstützung schicken. Selbst, wenn die Pläne der Regierung wahr sind, in Kürze die ersten Kriegsgefangenen im größeren Maßstab nach Hause zu schicken, brauchen wir eindeutig mehr qualifiziertes Personal. Es kann nicht sein, dass wir Tracker zur Nahrungsmittelbeschaffung aufs Land schicken, während wir sie eigentlich für eine andere Art von Einsätzen brauchen. Vom Festland kann ich niemanden anfordern. Die haben selbst alle Hände voll zu tun. Möglicherweise noch mehr als wir.“
„Schweden?“
George atmete tief durch. „Ich habe mit Mika telegrafiert. Er will Freiwillige suchen. Er meinte, er hätte da möglicherweise vier Tracker und eine Trackerin. Sie ist eine Telepathin und Ärztin. Bei den Herren handelt es sich um zwei Begabte und zwei Nachtlinge. Einer von ihnen hat zudem noch eine Zusatzausbildung als Hilfslehrer, was uns sehr helfen könnte. Aber sie sind nicht so schnell erreichbar und das Land ist groß und wenig zugänglich. Es kann also dauern. Und wenn sie sagen, dass sie nicht abkömmlich sind, dann wird er sie nicht abziehen.“
„Wo will er sie abziehen?“
„Weiß ich nicht. Das hat er mir nicht gesagt.“
„In Ordnung. Ich werde dann alles veranlassen und dann können wir nur hoffen, dass es besser wird.“
„Oh, es ist schon besser, mein Lieber. Uns fallen keine Bomben mehr auf den Kopf.“
David gab ein Geräusch von sich, das nach einem Schnaufen oder unterdrückten Lacher klang. Aber sein Gesicht zeigte keine Freude. „Wie du meinst, Chef“, erwiderte er nur.
George hob eine Augenbraue. „Raus!“, entließ er wenig freundlich seinen Assistenten, aber David kannte das schon und lachte jetzt wirklich.

Credits & Informationen

  • Cover erstellt von Irene Repp (Daylin-Art)
  • Cover-Bilder: Shutterstock (Fotografen: LStockStudio, Suha Oerbent, Everett Historical)

 

  • Banner erstellt von Dana Brandt
  • Banner-Bilder: Shutterstock (Fotografen: IR Stone, f11 photo, Everett Historical, LStockStudio, Curaphotography, Stockfotografie, Ahem)