Akte Daniel

Ein Shapeshifter-Roman

Akte Daniel

Verlag: Deadsoft

Erschienen in 2009. 2. Auflage in 2016. Erhältlich im normalen Buchhandel sowie bei amazon und auch bei anderen Online-Händlern.

Preis: 12,95 € (print)/ 5,99 € (ebook)

ISBN: 3934442471 bzw. 978-3934442474

Klappentext: Ist ein ganz normales Leben zuviel verlangt? Der vierzehnjährige Daniel wünscht sich nichts mehr, als dass die Stimmen endlich verstummen, die er immerzu in seinem Kopf hört. Doch als unerwartet zwei verfeindete Organisationen an ihm Interesse zeigen, muss er erfahren, dass er sich die fremden Dinge in seinen Gedanken nicht einbildet: Daniel ist ein echter Telepath.

In der Schule der Geheimorganisation Ordo Divinatio lernt er, mit seiner Begabung umzugehen. Dort trifft er auf zum ersten Mal in seinem Leben auf andere Menschen mit außergewöhnlichen Kräften. Unter anderem auf den ungewöhnlichen Nachtling Sunday …

Credits & Informationen

 

Leseprobe

1

Ein Vorort von Manchester – England – Großbritannien

Daniel hielt sich den Kopf, der mehr als sonst schmerzte.

Er wiegte sich im Takt der Schläge aus dem Nach¬barhaus. Es wurde grundsaniert, sodass die Bohrhämmer schon seit über einem Monat von früh morgens bis spät abends arbeiteten. Das Haus, in dem er lebte, war hingegen alt; überall rie-selte der Putz von der Wand. Das Treppenhaus roch muffig und nass und die Wand, an der er lehnte, war kalt. Doch das Haus war der einzige Ort, an dem er für einen Moment sit-zen konnte und wo man ihn in Ruhe ließ.

Ihm war schon den ganzen Tag schwindlig, also war er nicht zur Schule gegangen. Sein Vater würde ihn schlagen, wenn er davon erfuhr. Aber im Grunde war es seinem Vater egal, ob Daniel die Schule besuchte oder nicht. Er wollte nur nicht damit belästigt werden, wenn der Lehrer ihn als Daniels ein-zig greifbares Elternteil sprechen wollte.

Daniel kämpfte mit den Tränen. Die Stimmen dröhnten laut und er wusste, dass es lange dauern würde, bis sie endlich wieder leiser wurden. Er wünschte sich, es würde etwas nüt-zen, wenn er sich die Ohren zuhielte, aber die Stimmen wa-ren immer um ihn, auch wenn da überhaupt niemand war. Wenn er Glück hatte und sich ganz fest auf etwas anderes konzentrierte, dann wurden sie leiser. Aber das hielt er nie lange durch. Konzentration war nichts, was er je vernünftig gelernt hatte. Allein das Wort war ja schon zum Kopfzerbre-chen und verursachte bei ihm Schmerzen.

Daniel atmete tief ein und aus.

Er hatte wie oft auch in der Nacht schlecht geschlafen, war gegen zwei Uhr einfach aufgestanden und durch die Gegend gewandert. Im Grunde keine kluge Idee, aber er war ja mit seinen vierzehn Jahren alt genug, um auf sich selbst aufpas-sen zu können.

Über ihm knallte jemand die Tür zu. Er hörte die schon be-kannte, heisere Stimme des Inders, der eine Etage unter ihnen wohnte. Er prügelte seine Frau und seine Kinder. Doch jetzt lief er nur laut fluchend die Treppe hinunter und beschimpfte auch Daniel, der ihm seiner Meinung nach im Wege war. Daniel rutschte zur Seite. Die Bilder, die er von dem Mann empfing, taten ihm weh. Er atmete tief durch, um den Schmerz zu ertragen.

Da war nur Hass und Wut, der Wunsch nach einem Bier und einer Zigarette und warum er seine Frau nicht längst hinaus-geworfen hatte und die Bälger …

Daniel hörte, wie die Haustür aufgerissen wurde und die Schritte des Mannes draußen verklangen. In seinem Kopf wurde es wieder etwas ruhiger.

Nicht zum ersten Mal fragte Daniel sich, ob er nicht verrückt war oder es in solchen Momenten wurde. Warum glaubte er, die Gedanken der Menschen um sich herum zu hören und das mit solcher Intensität, dass es schmerzte? Halluzinationen nannte man das wohl auf schlau. Und solche Leute wurden gewöhnlich von den Männern in den weißen Kitteln abge-holt.

Daniel zitterte. Ihm war schlecht. Er hatte gestern das letzte Mal etwas gegessen, was sich jetzt rächte. Der Geruch alten Fettes von der Imbissbude, die sich die Straße hinunter befand, wehte durch die kurz geöffnete Tür, hüllte ihn ein und ließ ihn würgen. Fisch und Chips.

Daniel schluckte und stemmte sich die Wand hoch. Er such-te in seiner Hosentasche. Ganze vier Pfund hatte er noch, sein letztes Geld. Drei Pfund neunzig kostete eine Portion. Das war billig. Billiger als in der Stadt, aber dafür war es auch schlechter.

Daniel humpelte die Treppe hinunter. Egal wie sein Kopf schmerzte, wenn er nichts aß, würde er es noch mehr bereuen.

Kaum hatte er die schwere, zerkratzte Haustür geöffnet, musste er die Augen zusammenkneifen. Der Himmel war weiß, bedeckt und viel zu hell. Daniel steckte die Hände in die Hosentaschen und ging die Straße hinunter. Weit war es nicht zur Imbissbude. Ein paar magere Katzen zischten mi-auend an ihm vorbei und sprangen die Mülltonnen hoch in der Hoffnung, Reste zu ergattern.

Daniel mochte Tiere; sie waren weitaus einfacher zu ertragen als Menschen und redeten auch nicht so viel. Weder mit ihrem Mund noch in ihren Gedanken.

In der Bude stand wie üblich in eine fleckige Schürze gewickelt Mrs Dalton und lockerte lustlos die Chips im heißen Fett auf.

»Na Daniel, das Übliche?«, begrüßte sie ihn.

»Ja, bitte«, flüsterte er. Laut sprechen war in seinem jetzigen Zustand kaum möglich. Aber Mrs Dalton wusste auch so, was er wollte.

Er legte die Münzen auf die Theke und sie gab ihm seine Portion. Damit setzte sich Daniel an einen der schmalen Tische und aß langsam. Es musste für eine lange Zeit reichen.

Daniel wusste nicht, wann sein Vater oder seine Mutter wiederkamen. Es konnte manchmal Tage dauern. Bis dahin hieß es, sich mit heißem Tee über Wasser zu halten. Daniel kann-te das schon.

Und wenn seine Eltern einmal zu Hause waren, saß sein Va-ter meist vor dem Fernseher und schlief irgendwann über der fünften Flasche Bier ein. Seine Mutter versuchte in die Rolle einer richtigen Mutter zu schlüpfen und raffte sich dann ab und an dazu auf, etwas Richtiges zu kochen. Aber meist saß sie nur da, zog nervös an ihrer Zigarette und blätterte durch Zeitschriften in der Hoffnung, dass Daniel sie nicht an-sprach.

Er hätte also genauso gut Luft für seine Eltern sein können. Es sei denn, er hatte irgendetwas falsch gemacht, dann hagelte es Schläge und Flüche. Dabei wünschte sich Daniel manchmal wirklich, sich unsichtbar machen zu können.

Die Chips waren wie immer fade und schmeckten nur nach Tage altem Fett. Daniel zwang sich zu kauen; irgendetwas musste er in den Magen bekommen. Und der Zucker im Ketchup half immer.

Als ein Schatten kurzzeitig das Licht von der Straße verbarg, sah er auf. Jemand setzte sich zu ihm und trank eine Diät-Cola.

Daniel senkte seinen Blick wieder auf sein Essen. Er kaute sorgfältig. Dann jedoch schaute er wieder irritiert auf. Er empfing von diesem Menschen keine Gedanken. Es war ein Mann, den er auf Ende zwanzig schätzte. Dieser sah ihm gelangweilt beim Essen zu und sagte kein Wort.

Er schien auch nicht recht in diese Gegend zu passen mit dem sauberen, hellen Anzug mit der Krawatte, aber das ging Daniel ja nichts an. Er konzentrierte sich wieder auf sein Essen. Umso besser, wenn er von dem Typen nichts »hörte«, dann hatte er seine Ruhe. Und vielleicht war Unterzuckerung ja wirklich der Grund für seine Einbildungen. Schön wäre es.

Ohne es recht zu wollen, hob Daniel wieder den Blick.

Der Mann war weg, ohne dass er es bemerkt hatte.

Daniel fragte sich, ob er jetzt auch schon Erscheinungen hatte. Er wusste, dass die psychiatrische Klinik nur auf ihn wartete, sollte jemand noch einmal erfahren, dass sich seine »Symptome« nicht gelegt hatten.

Mit zehn Jahren war er in Behandlung gewesen. Danach hatte er gelernt, welche Lügen er erzählen musste, um in Ruhe gelassen zu werden.

Daniel stopfte sich die letzten Reste seiner Mahlzeit in den Mund. Auf die würde er auch mit Erscheinungen nicht ver-zichten.

Als der letzte Happen verdrückt war, stand Daniel auf. Es ging ihm etwas besser, aber nur etwas. Halbherzig winkte er Mrs Dalton zum Abschied, dann ging er … ja, wohin eigent-lich? Bestimmt nicht nach Hause.

Vielleicht zum Spielplatz?

Für den war er natürlich zu alt, außerdem waren die Gerüste morsch und mit Graffiti verschmiert, aber wenigstens hielt sich dort vor dem Abend niemand auf. Erst dann kamen die älteren Jugendlichen mit ihren Bierflaschen und ihren Joints.

Die Hände in den Hosentaschen schlurfte er dorthin. Er kam jedoch nicht weit. Wieder legte sich ein Schatten über ihn. Dieses Mal war er eindeutig erschrocken.

Es war wieder der Mann. Daniel sah ihn sich genauer an und fror unwillkürlich. Instinktiv wich er zurück.

So durchschnittlich und gewöhnlich der Typ auch wirkte, er hatte jetzt etwas Bedrohliches an sich; die gedankliche Leere, die von ihm ausging, verstärkte den Eindruck noch. Daniel runzelte die Stirn und wollte sich soeben umdrehen und weg-laufen, als er unvermittelt am Arm festgehalten wurde. Er wollte noch fluchen, schreien und um sich treten, aber da spürte er schon den Stich einer Nadel am Arm.

Und dann war da nichts mehr.

2

Zentrale der Tracker des Ordo Divinatio – Lower Thames Street & Petty Wales – London

George klebte mit dem Gesicht am Monitor und sah sich die Parameter an. Er schüttelte immer wieder den Kopf. Seine wässrig blauen Augen waren Zeuge dessen, was sein Ver-stand nicht fassen wollte.

»Wie konnte uns der Junge nur durch die Lappen gehen? Er hätte schon vor Jahren erfasst werden müssen. Was ist mit unseren Leuten los? Können sie einen Begabten nicht mehr von einem Unbegabten unterscheiden? Müssen wir erst durch die Firma darauf gestoßen werden? Ah, ich hasse mei-nen Job!«, fluchte er einige Dezibel laut.

Leider war keiner da, der ihn hören konnte, nur diverse Computer und Geräte brummten monoton vor sich hin.

George verglich noch einmal die Zahlen und griff dann zum Telefonhörer. »Stella? Ich habe mir gerade die Daten ange-sehen, das ist der Wahnsinn. Seht zu, dass ihr den Jungen mit den anderen dort herausbekommt, wo die Firma neuerdings ihre liebste Beute festhält. Und beeilt euch!«

»Die haben einen?«, fragte sie. George konnte hören, wie sie durch die Gegend stolperte und wohl ihre Schuhe anzog. Sie war die ganze vorige Nacht unterwegs gewesen. Eigentlich hatte sie jetzt frei.

»Ja, die haben einen und nicht nur irgendjemanden: ein Jun-ge, der unsere Skala sprengt! Wohl ein Mehrfachbegabter oder ein Telepath jenseits der 10. So wie ich die Aktivitäten unserer »Freunde« einschätze, ist die Jagd bereits beendet. Beeilt euch!«

»Ich bin schon unterwegs«, bestätigte Stella. »Muss nur noch Jeremy und Gordon wecken. Wir bekommen das schon hin!« Es polterte erneut im Hintergrund und George hörte ein paar üble Flüche.

»Schick uns bitte alle Daten herunter, die du hast, ja?«, bat Stella noch, dann legte sie auf.

George schob sich seine Brille wieder auf den oberen Teil seiner Nase und tippte. Er fütterte den Laptop seiner Mann-schaft. Der Junge hieß Daniel McTyer und war der Sohn von Sarah McTyer, geborene Miller, und Thomas Oliver McTyer. Er war vierzehn Jahre alt und ging auf eine katholische Schu-le für Jungen in einem schäbigen Vorort von Manchester. Seine Leistungen waren im unteren Segment. Er galt als un-aufmerksam, zumeist krank und war insgesamt ein Einzelgänger.

Im Alter von zehn Jahren hatte ein Kinderarzt eine leichte Schizophrenie diagnostiziert, woraufhin die Eltern ihren Sohn zur Behandlung schickten. Als die Versicherung nicht mehr zahlte, endeten die Besuche. Die Eltern zählten zum Bodensatz der Gesellschaft, also würde auch der Junge niemals dieses Segment verlassen, da er nicht im Geringsten aus der Masse der Verlierer herausragte. Der Vater arbeitete im Schichtdienst in den Docks und war selten zu Hause. Die Mutter ging in einem Nachtclub arbeiten. Als ehemalige und jetzt verwelkende Schönheit gab es nicht mehr sehr viel Geld zu verdienen. Es war einfacher, einer solchen Familie den Sohn zu nehmen als einer reichen, so traurig es war.

George setzte noch das verfügbare Bild von Daniel hinzu: ein schmaler Junge, dessen schlaksige Figur auf schnelles Wachstum und zu wenig Essen hindeutete. Schwarze strub-belige Haare, dunkle Augen, in denen sich Einsamkeit und Misstrauen zu spiegeln schienen.

George seufzte und rieb sich den Nasenrücken. Falls sie den Jungen wirklich der Firma abjagen konnten, würde es alles andere als einfach mit ihm werden, das wusste George schon jetzt.

Besser wäre es gewesen, sie hätten ihn gefunden, als er noch keine drei Jahre alt gewesen war. Aber so viel Glück hatte man eben nicht immer. Und die Träumer und Traumgänger waren leider nicht immer zuverlässig. Zeit war schließlich relativ, sodass das, was sie erträumten, sowohl in der Ver-gangenheit, der Gegenwart als auch in der Zukunft liegen konnte. Sie wussten es selbst nicht immer. Und die Traumgänger hatten wiederum andere Grenzen.

George lehnte sich zurück und ließ seinen Rücken knacken.

Er wurde alt. Zu alt.

Mit seinen dreiundvierzig Jahren war er eigentlich über die übliche Zeit für einen Tracker des Ordo hinaus. Eigentlich nahm man früher oder später einen reinen Schreibtischjob an. Als Tracker musste er jederzeit einsatzbereit sein und durfte nicht jeden Morgen seine Knochen spüren, wenn er aufstand. Aber George hatte noch nicht vor, diesen Job so bald an den Nagel zu hängen. Dafür war er zu ehrgeizig und zu gut. Solange es noch möglich war, würde ihn niemand aufhalten.

Er war zudem das Organisationstalent ihrer Gruppe schlechthin und auch ohne irgendwelche übernatürlichen Kräfte konnten sich seine Leute auf seine Recherchen und seine Spürnase für die richtigen Wege verlassen. Jedenfalls hatten sie unter seiner Führung immer Erfolg gehabt. Hof-fentlich nun auch jetzt.

Es stand in solchen Fällen wie diesen immer mehr als nur der Ruf des Teams auf dem Spiel. Versagten sie, verschwand ein Kind hinter den Schleiern der Kage no Kiseki oder der Firma, wie sie sie meist nur spöttisch nannten.

Sie hingegen waren der Ordo Divinatio, eine uralte Organisati-on, deren Anfänge im Staub der Geschichte zu suchen waren und die vor einigen Jahrzehnten mit der Firma einen gefährlichen Feind bekam, wie ihn der Ordo zuvor noch nicht ken-nengelernt hatte. Dabei hatte der Ordo viele Feinde im Laufe seiner Geschichte gehabt.

Georges Team bestand aus den besten Trackern, die der Ordo hatte. Mit ihm waren sie zu viert: Da war Stella mit ihren zwölf Dans in diversen Martial Arts-Formen und der Fähig-keit, sich völlig lautlos zu bewegen und so hoch zu springen, als könne sie tatsächlich fliegen. Und dann die Zwillinge Jeremy und Gordon, die als »Feuerteufel« gemeinsam auch den übelsten Gegner in die Schranken weisen konnten. Auf sie war Verlass.

Er selbst war ihr aller Auge und Hintergrundmann.

Wen George immer wieder verfluchen könnte, waren die Schlafmützen von der Erfassungsabteilung. Selbst ohne die Traumgänger hätten sie schneller reagieren müssen.

Die geringsten Hinweise auf einen Begabten hätten sie wei-tergeben müssen. Den Zeitverlust konnten seine Leute und er jetzt wieder ausbaden.

Credits & Informationen

  • Cover erstellt von Irene Repp (Daylin-Art)
  • Cover-Bilder: dreamstime (Fotograf: Aleksandar Todorovic) & fotalia (Fotografen: Jeff McGraw, vitstudio)

 

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