Ein Feld voller Pusteblumen

Eine ungewöhnliche Geschichte über die Liebe zweier ungewöhnlicher Frauen

Ein Feld voller Pusteblumen

Genre: contemporary/ Belletristik

Trivia: Entstand während Akte Fearman – Buch 1 und war die erste eigene Geschichte nach mehreren Jahren Zusammenschreiben mit Neko. In mehrerer Hinsicht eine der leichtesten und schwersten Geschichten überhaupt. Es brauchte fünf Anläufe, bis ich herausgefunden hatte, das sich sowohl den Ich-Erzähler und den auktorialer benötigte.

Status: Schreiben beendet, ruht + Überarbeitung, Verlagssuche

 

Credits & Informationen

Leseprobe (Rohfassung):

Grenzen in einer Welt ohne Grenzen

Ich war acht oder neun Jahre alt, als ich beschloss, meinen Bruder nicht zu töten.
Ich hatte meine Hände um seinen Hals gelegt, während er unter mir lag. Es wäre einfach gewesen. Doch der Ärger verflog, wie er über mich gekommen war. Wir hatten uns gestritten. Einmal mehr. Fast einmal zu viel. Das kleine, provokante Miststück verstand es nur zu gut, mich bis zur Weißglut zu treiben.
Nur ein einziges Mal vergaß ich meinen Vorsatz. Ein oder zwei Jahre später, wo ich ihm das Schwerste, was ich in diesem fatalen Moment in die Hand bekam, nach ihm warf. Genau auf Kopfhöhe.
Das Ding blieb in der Tür stecken, vor der er noch zuvor mit einem breiten Grinsen gestanden hatte, und wir verschlossen das Loch mit einem Aufkleber und später mit einem Plakat.
Meine Eltern erfuhren davon erst Jahre danach. Es war gut so, wenn auch weder mein Bruder noch ich mehr wussten, warum ich das Ding nach ihm geworfen hatte.
Aber das zu erzählen, war unwichtig, genauso wie der Anlass nichtig gewesen war. Was blieb, war das arrogante Grinsen meines Bruders. Dessen wichtigtuerisches Gehabe.
Doch ich hatte beschlossen, dass ich ihn nicht tötete, nicht seinen Provokationen nachgab und damit den Zorn heraufbeschwor, der in mir wohnte.
Denn in einem Punkt hatte er mir ein großes Geschenk gemacht: Ich wusste, dass ich fühlte. Heiß und intensiv. Und ich erfuhr, dass ich töten kann. Ohne zu zögern.
Aber ich wusste auch in dem Moment, wo ich dies über mich erfuhr, dass es einen Preis haben würde und den war ich nicht bereit zu bezahlen.

Anna entspannte sich. Es war eine andere Entspannung, als die, die sie gewöhnlich betrieb. Diese hier war bewusster, tiefer, und sie hatte so etwas schon seit Jahren nicht mehr getan. Eine gewisse Unbeholfenheit in ihrem Inneren konnte sie ausmachen und es belustigte sie. Wie wenig wussten doch die Menschen was in einem anderen Menschen vor sich ging, wenn er nur ruhig dastand und einfach war.
Sie jedenfalls spürte den Widerstand in sich. Das Bestreben, die Grenzen, die sie vor langer Zeit, eine nach der anderen gezogen hatte, aufrechtzuerhalten. Sie waren wichtig. Sie waren damals wichtig und im Grunde waren sie auch jetzt noch wichtig.
Sie ermöglichten ihr, im Kreis von Menschen ihr Gesicht zu wahren. Ein Gesicht gefertigt aus Gefühlen dargestellt durch Mimik unterstrichen mit modulierter Stimme. Dazu die passende Gesten. Frei von Widersprüchen in der verbalen und der nonverbalen Kommunikation.
Schlicht, ein Mensch unter Menschen zu sein. So auszusehen wie sie, so zu sprechen wie sie, so zu sein wie sie. Es gab mitunter eine kleine Irritation auf der anderen Seite. Aber war die nach Jahren der Übung kurz und weil sich alles an ihr innerhalb der Parameter normalen gesellschaftlichen Verhaltens abspielte, gab es keinen Grund, der Irritation nachzugehen, zweimal zu schauen oder gar nachzuhaken. Worauf sich ein Mensch immer verlassen konnte und worauf sich Anna immer verließ, war die Blindheit der Menschen untereinander. Die Höflichkeit des Gegenübers.
Kinder waren da geradliniger. Bis man sie verbog und abrichtete, waren sie es, die durchaus erkannten, wenn etwas nicht stimmte. Wenn ein Mensch etwas vorgab zu sein.
Wenn ein Mensch, der kein Mensch war, vorgab ein Mensch zu sein.
Wenn man es ganz offen betrachtete, waren die Erwachsenen die Kinder und die Kinder die Erwachsenen, was es vielleicht auch erklärte, warum Kinder eher zu konservativen Ansichten neigten, als ihre Eltern. Dafür waren Eltern ängstlicher.
Anna wusste das alles und alles das bildete die Grenzen, die sie zur Seite schob und auf das blickte, was dahinter lag. Sie atmete bewusst ein und aus. Jeder Atemzug brachte sie ihrem Ziel näher. Es war kein wirkliches Risiko, was sie einging. Sie würde nicht vergessen, wer sie war. Auch die üblichen Verhaltensweisen würden sich nicht ändern.
Wer sie jedoch kurz nach dieser Reise antreffen würde, wäre verwundert. Es dauerte immer eine Weile, bis sie in die ausgetretenen Pfade ihres angenommenen Wesens zurückkehrte.
Bis dahin war sie anders. Direkter. Unhöflicher. Menschen würden sagen, dass sie ein unausstehlicher Mensch mit seltsamen Ansichten sein würde.
Nur, sie selbst war in diesem Moment nicht in der Lage, das Problem zu erkennen. Es gab einfach keine Probleme. Weder auf ihrer noch auf der anderen Seite. Es gab nicht einmal eine andere Seite, einen anderen Menschen.
Das brachte jedoch die besagten Probleme mit sich, wenn es um ihr Leben als solches ging. Keine Tat und kein Wort konnte wirklich vergessen werden. Wenn sie Schaden anrichtete, hatte sie hinterher alle Hände voll zu tun, um ihn wieder auszumerzen. Das war eine Arbeit, die sie tunlichst vermied.
Zeit und Energie wurden dabei verschwendet, die sie besser in andere Projekte stecken wollte.
Deshalb war sie vorsichtig. Aber es war niemand hier. Niemand, der sie kannte und niemand, an dem ihr etwas liegen sollte.
Vor ihr breitete sich ein Feld aus. Roter Mohn. Eine durchdringende Farbe. Die Bäume rauschten und das Gras murmelte. Sie spürte schon jetzt die Veränderung, die in ihr vorging. Es war, als würde sie endlich nach langer Zeit wieder atmen können. Ihr Körper wurde leicht und es war ihr, als könnte sie schweben. Sie hörte auf zu existieren, während die Farben in ihr explodierten.
Ihre Sinne waren nicht in der Lage, irgendetwas zu filtern. Es war schmerzhaft, aber Anna begrüßte den Schmerz. Es war, als würde sie nach Hause kommen. Sie fühlte, als würde sie im Licht baden. Jedes und alles war ihr fern und nah zugleich.
Anna war trunken von allem.
Nur langsam gewöhnte sie sich an die Übermacht ihrer Wahrnehmung. Menschliche Konzepte wurden bedeutungslos, Sprache verlor ihre Funktion.
Der brennende Mohn wurde Violett und sie atmete den Duft der Erde ein. Über ihr flogen überlaut die Schwalben. Ihr Flattern und ihre Rufe waren überwältigend. Als der Wind sich erhob, hatte sie Mühe, sich auf ihren Beinen zu halten. Langsam ließ sie sich zu Boden sinken und versicherte sich dessen Beständigkeit.
Das genügte, um sie langsam dazu zu veranlassen, die Filter und Grenzen wieder hochzuziehen.
Lange Zeit saß sie nur still da, dachte an nichts und fühlte auch nichts. Aber das war eine Illusion, wie sie wusste, wenn sie etwas wusste. Sie fühlte zu viel. Nichts davon jedoch konnte sie mit einem Namen versehen. Es war bedeutungslos.

Gut eine Stunde verbrachte sie so, bis sie sich dazu aufraffen konnte, wieder zu ihrer Familie zugehen. Es war ein Ausflug gewesen – nur für sie. Dem Grunde nach hatte sie aber gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Ihre Oma feierte Geburtstag und Anna wusste schon seit dem letzten Jahr, dass es diesen Ort unweit des Cafés gab, welches sich in dem Gemäuer eines alten Wasserlandschlosses verbarg. Dieser Ort entsprach auf eine besondere Weise ihr und dem, was sie war und dem was sie zu erreichen suchte. Aber nichts davon würde sie jemanden sagen – bis auf einem Menschen nur und dieser wusste nur zu gut, was sie bewegte.
Dieser Mensch war jedoch nicht hier, sondern nur die anderen, die in anderen Vorstellungswelten lebten, mit denen auch ein anderes Wertesystem verbunden war.
An sich wurde es gern von der Familie gesehen, wenn sich ein Gast von der Kaffee-und-Kuchen-Tafel verabschiedete, um sich separat eigenen Freuden hinzugeben, aber Anna hatte immer eine gute Ausrede und dazu gehörte auch eine Kamera. Sie war Künstlerin damit ausreichend exzentrisch. Sie war also fotografieren gegangen. Das Motiv war einladend genug. Anna wusste aber auch, dass sie im Zweifel die Ansinnen von sich weisen musste, dass hieraus ein Bild wurde, das sich der eine oder andere Verwandte – selbstverständlich kostenfrei – an die Wand über das eigene farblich passende Sofa hängen durfte.
Motive dieser Art stellte sie aber weder aus noch verkaufte sie sie. Nun, meist nicht. Jedoch verwendete sie Motive dieser Art, um ein Gefühl einzufangen. Sie standen für etwas, was nur sie etwas anging. Es war immer gut, ein gewisses Portfolio an Gefühlen und den passenden Bildern auf der Festplatte zu haben.
Anna ließ sich leiten, verschleierte den Fokus ihrer Augen und suchte das, was ein Motiv war. Dann begann sie zu fotografieren. Details, Ausschnitte, Insektenflug. Alles, was sie fand. Abgebrochene Äste, Tier- und Menschenspuren. Kritisch überprüfte sie in der Vorbildschau die Bilder und sortierte die heraus, die schon hier versagten. Viele waren es nicht. Die meisten würden jedoch erst am Monitor aussortiert oder auf einen Ausschnitt reduziert werden.
Sie klickte ein wenig zu weit und erwischte die Bilder von der Geburtstagsfeier. Fröhliche Gesichter. Dazwischen nicht allzu fröhliche Gesichter.
Ein wenig verkniffen schaute ihre Tante drein. Ob es aufgrund des Fotografierens gewesen war oder wegen der Bemerkung ihrer Schwiegermutter, auf deren Feier man sich gerade befand, war nicht auszumachen. Aber Anna wusste, dass es an der Bemerkung ihrer Oma gelegen und sie gerade in diesem Moment sehr nahegestanden hatte. Sie war somit Zeugin geworden.
Aber was gab es da zu schauen? Jeder wusste, dass ihre Oma nur mit Besteck zu nehmen war. Ein wenig giftig und äußerst hinterhältig hatte sie es seit Jahrzehnten verstanden, ihre Kinder auseinanderzubringen. Lediglich ihre Enkelkinder waren uninteressant genug, um nicht ständig zwischen die Auseinandersetzungen zu geraten. Aber sie waren auch nur die Enkelkinder und nicht die miteinander um Aufmerksamkeit konkurrierenden Geschwister samt Ehegatten. Ständig schwelte irgendwelcher Streit auf, wurden Eifersucht und Hass gefüttert.
Anna klickte weiter und besah sich die nächsten Fotos. Wie sie sich doch alle ähnelten, wenn man sie mit den Jahren und Jahrzehnten davor abglich. Die Protagonisten wurden nur älter, die Farben der Fotos satter und das Medium änderte sich. Ansonsten änderte sich gar nichts.
Freilich, der Fotograf war hier ein anderer und dessen Blick ebenfalls. Als Kind hatte sie nie eine Kamera in die Hand bekommen. Das hier war ihre eigene und sie hatte ein kleines Vermögen gekostet. Eine Tatsache, die sie niemanden auf die Nase zu binden pflegte, außer jemand wollte sie ausprobieren. Sie hegte das gute Stück und niemand sollte sie bedienen, der nicht annähernd Ahnung davon hatte.
Das waren ihrer Meinung nach die Gelegenheitsknippser und Smartphonebesitzer.
Keine Beleidigung, sondern eine Tatsache.
Sie hatte genug Gelegenheiten gehabt festzustellen, dass zwar so mancher gern eine entsprechende Ausstattung besitzen wollte, aber einerseits damit nicht umgehen konnte und es andererseits auch nicht erlernen wollte.
Anna blickte wieder zu dem Feld und schloss den Speicher des Fotoapparats blind. Dieser Moment gehörte ihr und sie brauchte ihn, so lange sie hier war, mit niemandem teilen.

Irgendwann kehrte Anna zu der illustren Gästerunde zurück. Schon von weitem waren sie zu hören. Laut diskutierend und einander übertönend. Das Café lag mitsamt Schloss, Wassergraben und Parkanlage idyllisch zwischen Wiesen, Feldern und Wäldern. Nur eine schmale Allee führte hierher und endete vor dieser romantischen Kulisse, das in seinen Ursprüngen vielleicht sogar einmal ein keltischer Fürstensitz gewesen war. So zumindest die lokale Beschreibung, die manchen Gast dazu veranlasste, sich doch zumindest kurz von Kuchen und Kaffee wegzureißen.
Anna hingegen strebte der Gästetafel zu, die sich ein wenig abgeschirmt von den anderen Gästen im Garten unter alten Obstbäumen befand.
„Wo warst du?“, fragte Annas Mutter sie, als sie ihrer ansichtig wurde.
„Ich sagte doch, dass ich kurz mal weg muss“, gab Anna eher abweisend zurück.
„Das ist der Geburtstag deiner Oma“, ermahnte ihre Mutter sie und blickte sie eindringlich an. „Bitte benimm dich!“
Es gab Momente wie diese, wo Anna sich fragte, ob man je ein Alter erreicht hatte, wo man so etwas nicht zu hören bekam. Sie war sich darin nicht ganz so sicher, aber mit Ende Dreißig, so ihre Theorie, war so ein Alter ganz bestimmt erreicht.
Aber man konnte sich darin auch täuschen.
„Ich benehme mich“, erwiderte sie.
„Aber du ziehst einfach so los und sagst nicht, wohin du gehst!“
„Ich sagte, ich muss einmal kurz weg. Ich melde mich auch nicht ab, wenn ich mal eben zur Toilette muss.“
„Und, wo warst du dann?“
„Mutter, bitte. Dich interessiert es ja doch nicht und könntest du bitte aufhören, mich lang zu nehmen? Ob ich hier bin oder nicht, spielt keine Rolle. Es amüsieren sich alle prächtig und ich war eben mal kurz weg.“
Annas Mutter Ilena funkelte ihre Tochter wütend an. Bevor aber jemand bemerkte, dass sie sich beide aufregten, zog sie sich zurück. Anna mit Konsequenzen zu drohen, brachte nichts. Sie schaute ihrer Mutter von oben herab in die Augen, da sie ein gutes Stück größer war. Allein das sagte ihr, dass sie diesen Kampf verlor. Selbst als Fünfjährige hätte sie ihre Mutter so angefunkelt, aber jetzt war es weit beeindruckender.
Anna setzte sich an ihren Platz und nickte in die Runde.
„Wo warst du, Kind?“, rief das Geburtstagskind quer über die Kaffeetafel. Anna erntete von ihrer Mutter einen Blick, der so viel sagte: „Habe ich es dir nicht gesagt?“
„Ich war fotografieren“, meinte Anna knapp, aber wahrheitsgetreu.
„Oh, du kannst mich fotografieren. Ich bin fotogen genug“, meinte ihre Oma und warf sich auch zugleich in Pose.
Anna lächelte und packte ihre Kamera aus, um eine schnelle Fotoserie auszulösen. Ihre Oma mochte es in aller Regel, fotografiert zu werden, während ein paar der Familienangehörigen weiblichen Geschlechts meist böse schauten, wenn sie „erwischt“ wurden. Anna prüfte kurz und nickte anerkennend. Auch wenn die Posen übertrieben waren und sie nicht alle Elemente überprüft hatte, waren die Bilder gut.
„Bekomme ich Abzüge?“
Anna blickte auf und nickte ihrer Oma zu. „Selbstverständlich. Ich werde einen Satz zusammenstellen.“
„Kann ich mal?“
Matthias, ihr Bruder, griff nach der Kamera. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, steckte sie das Objekt der Begierde ein.
„Nein!“, sagte sie nur.
„Och, komm schon!“
„Du hast dein Handy und fuchtelst die ganze Zeit damit herum. Also, was hindert dich daran, damit auch mal zu fotografieren?“
„Vergiss es, Matthias, deine Schwester verteidigt ihre Kamera eifersüchtig“, tönte Onkel Bernd und lachte dröhnend. „Wirst dir wohl selbst eine kaufen müssen.“
„Dafür habe ich kein Geld“, knurrte der.
„Wieso?“, meinte Matthias Freundin und langjährige Lebensgefährtin, Susanne, „Du hast dir doch ein Motorrad gekauft.“
Für diese Worte erntete sie einen wütenden Blick von Matthias. Anna tat so, als hätte sie es nicht zugehört. Sie registrierte wohl, wie ihrer beider Mutter zu ihrem Bruder schaute.
Aber sie sagte nichts. Dass sie wütend war, da ihr Sohnemann erneut und nach langen Jahren der Abstinenz ein Motorrad gekauft hatte, brauchte Anna niemand zu sagen. Aber Matthias musste selbst wissen, was er tat. Was sie jedoch auch registrierte, war die Scheinheiligkeit ihres Bruders. Es war eine Frage der persönlichen Entscheidungen, wie er sein Geld ausgab. Aber zu sagen, dass er keines hätte, war damit eindeutig gelogen.
„Gib mir schon!“, forderte er sie erneut auf, „Ich bin damit auch vorsichtig.“
„Fass sie an und es gibt Ärger“, sagte Anna leise.
Die graublauen Augen funkelten Herausforderung, weiße Zähne blitzten Überheblichkeit und wie ein Dreijähriger berührte Matthias mit den Fingerspitzen die Lederhülle.
„Lass es!“, sagte Anna immer noch leise.
Die Antwort war ein mehrfaches Tippen auf die Kamerahülle. Anna nahm die Kamera kurzerhand weg und steckte sie in ihren Rucksack.
„Ich bin wirklich damit vorsichtig“, behauptete Matthias.
„Ist mir ehrlich gesagt egal“, meinte Anna nur, „Du bekommst sie nicht.“
Onkel Bernd lachte erneut dröhnend.
„Du hast einen Freund?“, fragte Oma auf einmal quer über die Kaffeetafel und die Frage war direkt an Anna gerichtet. Sie war der einzige Single am Tisch. Entweder hatten alle Enkelkinder ihrer Oma einen Lebensgefährten oder Lebensgefährtin, waren verheiratet oder geschieden oder alles mehr oder weniger auf einmal.
Bei Anna war es seit Jahren ganz offiziell beziehungstechnisch unbewegt. Es gab keinen Freund, keine Verlobung, keine Heirat, keine Scheidung und nicht einmal einen Fehltritt in Form eines Kindes aus einem One-Night-Stand mit dazugehörigem Trott vor Jugendamt, Familiengericht, Amtspfleger und Anwalt zwecks Festlegung und Einforderung von Unterhalt.
„Ich habe keinen Freund“, antwortete Anna wahrheitsgemäß und wie gewohnt knapp.
„Sprich lauter, Anna, ich verstehe dich nicht.“
Anna blickte ihre Oma intensiv an und sagte: „Ich habe keinen Freund.“
„Ich dachte, du hast einen. Bernd hat doch gesagt, dass du eifersüchtig bist.“
„Onkel Bernd meinte etwas anderes“, erwiderte Anna immer noch freundlich, während ihre Augenlider langsam auf Halbmast gingen.
„Vielleicht ist ihr Freund nur nicht schnell genug mit der Zunge“, meinte Onkel Bernd und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.
Anna schoss ihn mit einem Seitenblick ab, was ihn meckernd lachen ließ.
„Womit ist er nicht schnell genug?“, fragte Oma.
Tante Adeltraud berührte Oma am Arm und flüsterte ihr was zu, worauf Oma bedeutungsvoll nickte.
„Du musst heiraten, Mädchen“, sagte sie, „du wirst sonst zu alt für Kinder.“
„Ja, Oma, ich weiß“, meinte Anna und lächelte. Sie erhob sich. Das Gespräch konnte genauso gut auch ohne sie fortgeführt werden. Sie ging, ohne sich weiter um die Geburtstagsgesellschaft zu kümmern, zum Küchenbüfett und inspizierte die Auswahl.
Eines konnte man ihrer Oma lassen, die Wahl des Cafés war ausgezeichnet und, seit sie es zum ersten Mal vom Büfett gewählt hatte, war die Kuchenauswahl sogar noch größer geworden.
Anna wählte klassisch. Eine Schoko-Sahne-Torte bestehend aus fünf Schichten. Dazu suchte sie sich noch ein paar Erdbeeren. Die Zeit war und jetzt schmeckten sie auch.
„Musst du immer so abweisend und unhöflich sein?“, fragte ihre Mutter sie, die sich an sie herangeschlichen hatte. „Und, wusstest du etwas von dem Motorrad?“
Anna zog mit Genuss ihre Kuchengabel durch den Kuchen und schob sich das Stück in den Mund. Sie liebte den Geschmack, den zarten Boden und die leichte Schokosahne, dann sah sie ihre Mutter an, die ganz offenkundig vor Wut verging.
„Warum bist du stinkig auf mich? Ich habe das Motorrad nicht gekauft. Ich bin auch nicht diejenige, die etwas hätte erzählen müssen und darüber hinaus wusste ich es auch nicht. Ich vermute daher, dass Motorrad dürfte höchstens seit zwei Wochen maximal vier in Matthias Garage stehen. Wenn du darüber sauer bist, dann wende dich an ihn.“
„Das meine ich nicht. Doch wenn du etwas gewusst hast, hätte ich es auch gern gewusst. Und warum fauchst du mich jetzt an?“, rief ihre Mutter, während sie zeitgleich versuchte, die Lautstärke in den Flüsterbereich zu regeln.
Anna aß unbeeindruckt weiter und seufzte dann vernehmlich. „Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich nichts dafür kann, wenn Matthias dir nichts erzählt. Mir erzählt er auch nicht alles und das erwarte ich auch nicht. Außerdem meldet er sich sowieso nur bei mir, wenn er etwas von mir möchte. Er wollte nichts, also höre ich nichts. Ich lebe ganz gut damit, dass ich mich über ihn nicht aufrege.“
„Er ist aber dein Bruder und ihr solltet euch verstehen. Wenn ihr alt seid, dann hast du niemanden!“
Anna schnaubte belustigt. „Ich habe auch so nichts von ihm. Er lebt sein Leben und ich meines. Er interessiert sich für meines ab und an und dann versaut er es mit blöden Kommentaren. Lass es gut sein. Höflicher Umgang auf Distanz ist die beste Lösung. Und was das andere angeht: Langsam reicht es doch, oder? Wieso muss ich mich ständig dafür rechtfertigen, dass ich nicht die Beine breitmache? Und auf die dreckige Lache von Onkel …“
„Anna!“
„… Bernd kann ich auch verzichten.“
Anna schaute unschuldig, während sie sich erneut einen Bissen von ihrem Tortenstück abstach. Der Kuchen war wirklich lecker und sie beschloss, dass sie eigentlich noch ein Stückchen haben konnte, wenn es da nicht die anderen Versuchungen an diesem Büfett geben würde.
„Es ist so, auf meine Befindlichkeiten nimmt hier keiner Rücksicht. Aber wenn es um Benehmen geht, dann werde ich nahezu ständig korrigiert. Pass auf, gleich kommt wieder die Chose mit den Flüchtlingen und den Hartzern. Schade, dass ich keinen Alkohol trinke, dann könnte ich mich ganz gepflegt abschießen und ähnlichen Schwachsinn von mir geben. Wenn ich aber nüchtern etwas dagegen was sage, dann bin ich die Böse und alle anderen sind hier die liebe, nette Familie.“
„Anna, du weißt, dass das so nicht ist. Vielleicht kannst du aber ein klein wenig netter sein.“
„Nein!“, antwortete Anna und lächelte liebenswürdig. „Irgendwann ist es vorbei und bei mir ist es schon lange vorbei.“ Sie nickte rüber zur langen Kaffeetafel, wo ihr Vater sich gerade einen Cognac bestellt hatte und auch die übrige feierlustige Runde einem kleinen Gläschen nicht abgeneigt war.
Tante Flora hieß die nette Bedienung in dem gepflegten weiß-blau gestreiften Satinkleid mit weißer Rüschenschürze und Häubchen sogar gleich eine ganze Flasche Amaretto an ihren Platz stellen.
Selbstverständlich mit Eis.
„Und jetzt geht es erst richtig los!“, meinte Anna und ihr Lächeln erreichte dabei nicht ihre Augen.
Ihre Mutter schluckte nervös. „Er meint, er würde heute nur einen kleinen trinken.“
„Glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe. Ich werde mir noch ein Stück der Sahne-Pfirsich-Torte zu Gemüte ziehen. Ich glaube, die ist wirklich lecker. Magst du noch etwas?“
Ihre Mutter schüttelte den Kopf und wandte sich ebenfalls dem Buffet zu. „Vielleicht kannst du mal deinem Bruder ins Gewissen reden wegen der Maschine. Er hat Kinder und muss für sie sorgen.“
„Das weiß er“, murmelte Anna.
„Ja, aber auf mich hört er nicht. Ich bin ja schon froh, dass er wieder mit seinem Vater spricht. Wenn ich ihm dann noch wegen des Motorrads nerve, dann macht er gleich wieder zu.“
„Und, du meinst ernsthaft, dass er auf mich hört? Ich denke, er hört auf niemandem außer sich selbst. So, wie Susanne eben aussah, muss es schon einen entsprechenden Disput gegeben haben. Und sie ist nur seine Lebensgefährtin und nicht seine Ex-Frau.“
„Anna, bitte! Dir kann das doch nicht egal sein!“
Anna seufzte und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu. Sie stellte sogar ihren Teller ab. „Was ich denke oder fühle, geht niemanden etwas an. Denn meist interessiert es sowieso niemanden und wenn es jemanden interessiert, dann macht man sich darüber lustig. Also, ob es mir egal ist oder nicht, spielt keine Rolle. Ich werde deinen Sohn nicht erziehen, denn meines Wissens ist es dafür etwas zu spät. Und selbst wenn es dir gelingt, zu ihm durchzudringen, dann ist es nur für kurze Zeit. Er hat damals sein Motorrad verkauft, weil das Geld knapp wurde, und soweit ich weiß, ist das hier schon seine dritte Maschine. Immer dann, wenn er genug Geld hat, dann kauft er sich eine. Ganz einfach.“
Ihre Mutter blickte wieder zur Kaffeetafel, wo sich alle Gäste prächtig amüsierten. Offenbar riss Onkel Bernd wieder einen schlüpfrigen Witz nach dem anderen, denn der zweite Onkel im Bunde, Onkel Klaus, schlug sich auf den Oberschenkel und auch das Gesicht ihres Vaters rötete sich, wobei hier eher der Alkohol das Zepter führte. Nur die Tanten verdrehten die Augen. Nicht jedoch wirklich ernst gemeint. Eher auf die Art, wie man andere Menschen für den Moment nicht ernst nahm und es einem Dritten zeigte – ein wenig konspirativ, ein wenig überheblich, ein wenig resignierend.
Es war unehrlich, wie Anna fand. Denn alle Witze gingen auf Kosten der Frauen. Wie meist bei den Witzen ihres Onkel Bernds, der nur zu gern sah, wenn sich Blicke von jungen Frauen pikiert abwendeten.
Susanne schien noch mit sich zu kämpfen. Sie verbarg gerade ihre angespannten Züge hinter einer Tasse Kaffee, wie Anna noch gerade so erkennen konnte, wobei es weniger das Gesicht war, das ihr das sagte, sondern die hochgezogenen Schultern. Sie war eindeutig gestresst und das hatte nicht allein etwas mit ihrem Lebensabschnittsgefährten zu tun und dessen Kritik an ihrem Ausplaudern.
Susanne befand sich gerade genau im Fokus von Onkel Bernds ungeteilter Aufmerksamkeit und Matthias schien noch nicht aufzugehen, dass er am besten einschreiten sollte. Seine Lebensgefährtin war noch zu lieb und zu nett zu den ihr eher fremden Leuten und machte sich zu viele Gedanken darüber, wie es wirkte, wenn sie Konter gab.
Soweit Anna wusste, half hier Höflichkeit nicht weiter. In solchen Momenten ähnelte eine mit weißen Tischdecken und Blumen ausdekorierte Kaffeetafel eher einem Schlachthaus. Die Gäste übergingen einfach das, was anderen Menschen weh tat und trat dann gepflegt in netter Kaffeetafelrunde weiter nach dem Opfer der familiären Nettigkeiten.
Anna sah, wie Tante Adeltraut ihrem Ehegatten gerade am Ärmel zupfte und versuchte damit, ihn etwas zu bändigen. Er gab seiner Frau einen dicken Schmatzer auf die Wange und meinte, dass er wohl heute noch mit ihr in die Wanne steigen würde. Sie lächelte.
Anna nahm wieder ihren Teller in die Hand.
„Du könntest übrigens mal wieder etwas mit deinen Neffen unternehmen“, sagte ihre Mutter gerade.
„Mhm!“, antwortete Anna.
„Der Große hat gefragt, ob er mit dir wieder auf Pirsch gehen kann. Ihn scheint dein Hobby angesteckt zu haben.“
„Mhm!“, meinte Anna erneut und nahm sich die Sahne-Pfirsich-Torte vor.
„Sag etwas!“
Anna blickte ihre Mutter und überlegte, was sie sagen sollte. „Nein!“, sagte sie dann, „Ich habe schon genug gesagt. Wir sollten zurückgehen, damit wir den Rest des Geburtstages nicht verpassen. In einer halben Stunde dürften die ersten Witze über Hartzer auf dem Plan stehen.“
„Hör auf, so zynisch zu sein“, rief ihre Mutter nun ernsthaft erbost.
„Bin ich nicht. Es ist nur eine reine Feststellung des Ablaufs einer jeden Feier. Es ist eine Wiederholung mit verteilten Rollen an einem Tisch bei viel Alkohol und bei ganz normalen Menschen.“
Damit wandte sich Anna ab und ließ ihre Mutter stehen. Diese rang mit ihrer Fassung, dann jedoch hielt sie sie auf und zog sie zurück.
Anna lächelte.
„Keine Sorge, Mum, ich schauspielere, so wie ich das immer mache. Ich bin ziemlich gut darin. Aber sollten sie über die Stränge schlagen, werde ich ehrlich sein. Und sollte Papa sein Limit erreichen, bin ich weg. Ich kann es nicht ertragen, wenn er bösartig wird.“
Ihre Mutter sah auf einem alt aus und wirkte ziemlich niedergeschlagen.
„Ich weiß es doch auch, aber er lässt sich nichts sagen. Letztens habe ich mit ihm darüber gesprochen und auch das gesagt, was du mir gesagt hast. Er ist ziemlich nachdenklich geworden. Er will nicht so sein. Aber er kann manchmal nicht anders.“
„Und genau das ist der Punkt: Ich kann auch nicht anders. Nicht mehr! Und ich lasse mich hier nicht über den Tisch ziehen. Es ist das gemeinsame Hobby aller hier, über andere herzuziehen und ihnen bei einem Lächeln das Leben zur Hölle zu machen. Sie haben nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei. Erst, wenn es gegen sie selbst geht, dann merken sie das was nicht stimmt. Es ist übrigens ziemlich irritierend, wenn das bei anderen Familien am Tisch nicht so ist. Aber dadurch weiß ich, dass es auch andere Möglichkeiten der Kommunikation gibt. Nur, ich bin keine Masochistin. Ich komme gerne, aber zu meinen Bedingungen. Wenn du dir das hier gefallen lässt, kann ich kaum etwas tun. Aber seien wir doch mal ehrlich: Du verbrennst dir immer wieder gern die Finger. Vermittelst und versuchst, die Dinge wieder geradezurücken. Aber es funktioniert so nicht, da es nicht das Problem an sich aufdeckt. Matthias will sich beweisen. Mein Vater hat Schwierigkeiten. Du brauchst Anerkennung und mein einer Onkel dringend mehrere Ohrfeigen und der andere einen Tritt in die Eier. Vielleicht bekommt er dann mal einen anständigen Sopran zustande.“
Jetzt musste ihre Mutter dann doch lachen.
„Anna!“, mahnte sie, aber jetzt nicht mehr ernst. „Er ist eben ein unsicherer Charakter und muss blöde Witze machen.“
„Ach, jetzt bin ich aber wirklich geknickt. Der arme Mann macht Witze über Frauen, weil er sich unsicher fühlt? Willst du wissen, was ich tue, wenn ich mich unsicher fühle?“
„Lieber nicht!“
„Besser ist das!“
„Und du würdest nicht mal mit Matth …“
„Nein! Und, ich gebe dir noch einen Rat, auf den du nicht hören wirst: Versuch nicht, ihn zu beeinflussen. Er wird dann nur bockig und dann bereitet es ihm noch ausgesprochenes Vergnügen, dich in Sorge zu versetzen, indem er dir erzählte, welche Serpentinen er langgefahren ist und mit welcher Geschwindigkeit. Lass es! Aber du wirst es sowieso nicht lassen. Was ich mich immer bei diesen Familienfeiern frage: Wird es eigentlich nicht langweilig, wenn die Gespräche in Endlosschleife laufen?“
„So schlimm ist es ja nun auch wieder nicht. Lass uns wieder zurückgehen, bevor sie uns vermissen.“
Anna schnaufte. Kurzentschlossen griff sich noch ein wenig Gebäck. Sie konnte es sich leisten. Ihr Stoffwechsel war beneidenswert flott, was meist bei anderen Frauen Neid hervorrief. Dafür gab es andere Nachteile, wenn das auch nicht immer von Zeitgenossinnen so gesehen wurde.
„Was hast du eigentlich vorhin fotografiert?“, fragte ihre Mutter sie.
„Das Feld, das ich letztes Jahr gesehen habe. Ich dachte mir, dass es jetzt voller Blumen sein muss. Es ist Löwenzahn. Recht früh im Jahr, aber ich nehme, was ich bekommen kann. So, wie es aussieht, kommt dann aber bald der Klatschmohn. Ich werde wohl in ein paar Wochen noch einmal hierherfahren.“
„Du könntest mir mal wieder ein Bild schenken.“
Anna lachte. „Ja, das könnte und das würde ich. Aber die Bedingungen sind klar. Wenn ich ein Bild schenke, dann wird es nicht aus dem Rahmen genommen, herumgeschnippelt, das es in einen kleinen Rahmen passt und dann hinterher Fragen gestellt, ob es so in Ordnung war. Entweder du sagst, welche Größe du willst oder du musst sagen, dass du es anders willst. Aber nicht an meinen Arbeiten herumschnippeln.“
„Das war doch nur das eine Mal!“
„Es gab noch andere Male mit anderen Dingen. Haben wollen ist das eine, aber dann so tun, als ob es keinen Wert hat, etwas anderes. Ich schenke gern. Aber ich lasse mich nicht beleidigen.“ Anna hielt ihre Mutter fest, so dass sie nicht näher zur Kaffeetafel kamen, so dass die anderen Gäste ihrer Oma das Gespräch nicht mitbekamen.
„Ich kann verstehen, wenn es dafür kein Verständnis gibt, aber es sind meine Arbeiten und es ist für mich kein Hobby.“
Ihre Mutter seufzte.
„Egal, was ich sage, es ist immer falsch“, jammerte sie.
„Oh, du bist da nicht die einzige.“
„Und du machst alles richtig?“
Anna schüttelte den Kopf. „Nein, nie, aber du weißt warum.“
„Weil du dich nicht anpassen kannst.“
„Nein, weil ich mich nicht mehr anpassen will.“
Damit schien das letzte Wort gesprochen zu sein, denn Anna ging wieder weiter, so dass ihre Mutter ihr folgen musste.
„Na, was habt ihr miteinander besprochen?“, fragte ihre Oma.
„Wir haben nur über Kunst geredet“, log Anna dreist, aber sie hatte auch keine Lust, über mehr zu sprechen. Denn schon dieses Thema war unglaublich kompliziert.
„Oh, über deine Bilder. Verkaufst du denn welche?“, fragte ihre Oma auch gleich weiter.
„Ja, ich verkaufe Bilder.“
„Dann verdienst du ja richtig Geld!“, meinte sie.
Anna schüttelte den Kopf. „Man kann verdienen, aber nicht so, dass man davon leben könnte. Die Materialkosten sind zu hoch und die wenigsten Leute können so viel für Bilder bezahlen, dass ich auf einen guten Schnitt komme.“
Onkel Bernd lehnte sich zurück und fragte: „Und warum machst du dann die Bilder nicht günstiger? Ich meine, im Möbelhaus bekomme ich auch die Bilder für weniger. Da sind sie preiswerter. Deine Bilder sind mir zu teuer.“
Anna lächelte gequält. Sie hatte ja gewusst, dass auch dieses Thema schwierig war. Familiäre Themen waren jedoch weit mehr ein Mienenfeld und ein Fehltritt genügte und es gab Verletzte.
„Je nach Art des Bildes liegen die Aufwendungen rein im Material ohne Zeitaufwand zwischen 10 und 100 Euro. Es hängt von der Größe ab, Bearbeitung, Rahmen, Passepartout oder vielleicht Aludibond. Es kommt auf verschiedene Faktoren an. Dann kommen noch hinzu Aufwand für Reisen, Kameras, übriges technisches Equipment mit entsprechender Abschreibung. Da je nach Art und Ausführung des Bildes unterschiedliche Ausstattung benötigt wird, lässt sich das kaum sagen. Aber schlagen wir noch einmal eine Pauschale von 20 bis 50 Euro je Bild und Standardgröße zwischen klein bis groß. Dann sind wir bei Minimum 30 bis 150 Euro je Bild. 50 Euro für ein kleines Bild sind dann ein Freundschaftspreis, der wahrscheinlich nicht einmal meine Fixkosten deckt. Ich betreibe keine Manufaktur, Onkel. Ich mache hier keine Massenproduktion.“
„Aber das musst du doch ausrechnen, was ein Bild kostet.“
Anna lachte trocken. „Wofür? Damit ich weiß, wie hoch das Defizit je Bild ist? Ich weiß, wie hoch das Defizit insgesamt ist. Das genügt vollkommen.“
Tante Adeltraud schüttelte fassungslos den Kopf. „Aber wie kannst du das machen? So ein Hobby und dann soviel Geld.“
„Und, was ist mit dem Eisenbahnhobby deines Mannes?“, fragte Anna alles andere als arglos.
„Das ist ja wohl was anderes.“
„Außerdem ist meine Tochter eine Künstlerin“, erklärte ihr Vater laut genug, damit jeder es hörte. „Eine Künstlerin und keine Hobbyfotografin, die für ein Möbelhaus produziert.“
Auch wenn ihr Vater dem Alkohol zu gern zusprach, er verstand in vielerlei Hinsicht einiges besser als ihre eigene Mutter. Ob er es immer so ernst meinte oder sie einfach verteidigte, weil er es als seine Pflicht ansah, wusste Anna nicht immer. Aber sie war dennoch dankbar.
„Nun, wenn sie einen Auftrag für ein Möbelhaus hätte, dann würde sie ja genug verdienen“, meinte Tante Adeltraut spitz.
„Das ist nicht gesagt, aber möglich“, relativierte Anna.
„Wieso nicht?“
„Weil auch Möbelhäuser gern verdienen und dann gern die Künstler unter Druck setzen, um preiswerter zu produzieren für Kunden, die nur 20 Euro für ein Bild 60 mal 80 bezahlen wollen.“
Ihr Vater grinste breit und nahm einen Schluck von seinem Cognac.
„Es waren 30 Euro“, erwiderte Tante Adeltraut spitz. „Das war schon teuer genug.“
„Ich wundere mich, wie man dafür überhaupt produzieren kann. Meine Freundin meinte, dass sie für eine gute Leinwand 60 x 80 um die 15 bis 20 Euro hinlegen muss, meist jedoch mehr – je nach dem. Zuzüglich Farbe oder Druck sowie anderer Materialkosten zuzüglich Speditionsaufwand ins Möbelhaus und womöglich vorher auch noch einschließlich Personalkosten. Wenn sie Glück haben, dann verdienen sie daran einen Euro. Wahrscheinlich aber mehr, weil es günstig abgekaufte Fotos sind, dann in China produziert, auf von indischen Kindern handgewebter Baumwolle und Farben aus chinesischer Produktion, verschifft von afrikanischen Seelenverkäufern.“
„Immerhin einen Euro“, meinte Tante Adeltraut und sie schien es ernst zu meinen, denn sie verzog nicht eine Miene. „Außerdem kann man nicht immer bei jeder Kleinigkeit über so etwas nachdenken.“
„Nein, ist schwer. Aber bei Dingen, die nicht Not tun und die vielleicht die Kunstszene hier vor Ort unterstützen würde, wäre es durchaus eine Überlegung wert. Vielleicht auch noch bei dem einen oder anderen Stück, das man sich so zulegt.“
„Du willst immer die Welt verbessern“, warf Onkel Bernd ein.
Anna verneinte. „Keinesfalls. Sie ist nicht zu retten. Aber mich stören die Gedankenlosigkeit und die Gleichgültigkeit im Zusammenhang mit Beschwerden und Jammern und Vorwürfen, weil man es nicht so billig hinbekommt wie die Warenhersteller aus China. Es ist verlogen. Pure Heuchelei.“
„Du bist heute wirklich schlecht gelaunt“, rief Flora, die sich gerade ein Teil vom letzten Drittel ihrer Amarettoflasche in ihr Glas goss.
„Ich bin nicht schlecht gelaunt. Aber ich wurde gefragt und ich habe geantwortet.“
„Aber so bissig? Wenn du so aggressiv bist, dann mag dich keiner.“
Anna blickte sie schief an.
„Was?“, fragte Tante Flora verwirrt.
„Ich soll nichts dagegen sagen, weil mich dann keiner liebt?“, hakte Anna nach.
„So habe ich das nicht gesagt. Aber wenn du immer dagegen bist, dann mögen dich die Leute nicht.“
„Und, magst du mich nicht?“
Tante Flora schnaufte. „Natürlich mag ich dich.“
„Dann ist ja gut“, schloss Anna.
Ihr Vater kicherte leise und winkte die Bedienung herbei, um sich einen weiteren Cognac zu bestellen. Anna überschlug die Standhaftigkeit ihres Vaters und beschloss, dass es an der Zeit war, die Segel zu streichen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, vielleicht noch einer halben Stunde, dann würde er streitlustig werden. Das an sich war kein Problem. Er war auch streitlustig, wenn er nüchtern war.
Doch er wurde mit Alkohol zusammen auch noch aggressiv, beleidigend, handgreiflich und sehr, sehr laut. Er ließ sich von niemanden mehr etwas sagen, was schon im nüchternen Zustand eine Herausforderung darstellte und er bestand gleichzeitig darauf, dass niemand ihm wiedersprach.
Es hatte so manche Szene auf mancher Feier gegeben, wo er quer über den Tisch ganze Völkerscharen beleidigt hatte – und in dem Fall ganze Familienzweige.
Annas Widerspruchsgeist war das eine. Sie war dabei immer und auf jeden Fall nüchtern. Sie war auch spitzfindig, wie sie wusste und ihre Zunge und Schlagfertigkeit gefürchtet. Aber ihr Vater und Cognac waren eine Mischung, die niemand wirklich händeln konnte.
Ihre Mutter damit allein zu lassen, war mit Blick auf die letzten Jahre die beste Idee, nachdem sie aneinandergeraten waren und Anna nicht hatte schweigen konnte. Denn wenn ihr Vater schrie, dann hallte es nach. Niemand blieb dabei gleichgültig. Es ging durch Mark und Bein und er hatte sie angeschrien und sie hatte sich bedroht gefühlt.
Anna hatte daher für sich den Entschluss gezogen, dass es besser war, nicht zu bleiben, wenn die Stimmung davor stand zu kippen. Die anderen mochten es noch nicht merken oder ignorierten es. Aber es wurde Zeit.
Ihre Mutter konnte nicht aus ihrer Haut und würde einmal mehr ihren Mann beruhigen wollen, was dieser keinesfalls zuließ und bockig seinen Weg ging. Ob er dabei Straßen und Wege unterschied, in der Gegend pinkelte oder fremde Leute anmachte, das war einerlei. Er hatte seinen Spaß und seine Frau vermochte ihn keinesfalls daran hindern, egal wie häufig sie es in der Vergangenheit bisher versucht hatte. Das Versprechen, es heute bei einem Glas zu belassen, war nur ein leeres Versprechen gewesen.
Besser war es, er versprach, überhaupt nichts zu trinken und wenn er trank, war er dabei zu Hause. Dann konnte er sich zurückziehen. Doch jetzt würde es schwierig werden.
Anna wusste aber auch noch etwas anderes. Sie blickte zu Susanne rüber und schaute dann auf ihren Vater, der an seinem frischen Glas nippte. Susanne verstand.
„Ich werde dann gehen“, meinte Anna und erhob sich, um zu ihrer Oma zu gehen. „Es war eine schöne Feier, aber ich muss los. Auf mich wartet noch eine Menge Arbeit.“
Ihre Oma erwiderte die Umarmung von Anna und tätschelte ihren Arm. „Du solltest dir wirklich einen jungen Mann suchen und nicht immer arbeiten. Das tut einer Frau nicht gut. Ein Mann ist wichtig.“
Anna lächelte. „Du hast recht Oma!“, sagte sie und richtete sich wieder auf. Ihre Oma lächelte und erinnerte sie an die Fotos, was Anna ihr versprach.
Als sie sich verabschiedete, waren es die üblichen Floskeln „Wie, du willst schon gehen?“ und alle dazugehörigen Varianten. Susanne hatte sich erhoben und folgte ihr.
„Ich denke, ihr solltet ihn den einen noch trinken lassen und versuchen, den nächsten zu verhindern“, meinte Anna leise.
„Ich weiß nicht, ob das klappt“, wandte Susanne nicht unberechtigterweise ein. „Er sah heute schon nicht gut aus.“
„Nein, wahrscheinlich wieder viel Stress auf Arbeit und dann nicht richtig erholt und dann nervt ihn wahrscheinlich auch, dass er hier in der Hitze draußen rumsitzen muss. Wahrscheinlich aber noch einiges anderes.“
Susanne seufzte. „Du hast es gut, du kannst schon gehen.“
„In mein Auto passt nicht viel und er und meine Mutter, das funktioniert nicht.“
Susanne brachte diese Bemerkung zum Lachen.
„Was ich noch sagen wollte“, unterbrach Anna sie, „Ich bin vorhin noch bei meinen Eltern vorbeigefahren, bevor ihr angekommen seid. Ich habe eine Thermoskanne Tee hingestellt und Sandwiches. Wenn meine Mutter zu Hause ist und Vater im Bett, dann wird sie wahrscheinlich wie ein aufgeregtes Huhn sein. Gib ihr eine Tasse von dem Tee. Das dürfte sie runterholen und erinnere sie an die Brote. Das wird auch helfen.“
„Du bist echt noch mal hin?“
„Ich weiß doch, wie sie ist, wenn mein Vater abstürzt. An sich habe ich ihr das alles schon gesagt, aber sie vergisst sich immer bei solchen Situationen. Besser ich sorge vor. Außerdem wird sie sowieso noch immer sauer darüber sein, dass Matthias ihr das mit dem Motorrad verschwiegen und es überhaupt gekauft hat.“
„Ich habe ihm das auch ausreden wollen. Keine Chance.“
„Naja, ist wohl auch nicht anders zu erwarten.“
Anna umarmte Susanne. „Halt die Ohren steif und lass dich nicht von den Herren zermalmen. Die haben das gut drauf. Und, sollte meine Oma noch mal zu Kindern ansetzen, hör nicht hin. Nur, wenn Onkel Bernd noch mal loslegt, dann mach dich nicht klein, sondern frag ihn mal, was er eigentlich mit seinen schweinischen Witzen bezweckt.“
Susanne atmete tief durch. „Das kann ich doch nicht machen“, flüsterte sie.
„Das kannst du und das musst du. Der hört nicht auf, nur, weil du dich klein machst. Auf seine Frau brauchst du nicht zu bauen. Die hat sich damit abgefunden.“
„Ich sehe ihn ja nicht so oft!“
„Mhm“, machte Anna und zuckte mit der Schulter. „Hängt von deinen weiteren familiären Planungen mit meinem Bruder ab.“
Jetzt kuckte Susanne wieder fröhlich. „So, wie der sich anstellt, wird das nie was.“
Anna umarmte sie noch einmal und sagte, dass sie sich keinesfalls unterkriegen lassen sollte. Dann machte sie sich auf den Weg zu ihrem Auto. Die Kameras samt Tasche waren schnell verstaut. Der Weg zurück zu ihr nach Hause führte wunderschönen Alleen entlang.
Anna nahm sich vor, hier noch einmal zurückzukehren und dann vielleicht in Begleitung, die ihr mehr behagte. Aber vor allen Dingen wollte sie noch einmal zu diesem Feld. Wenn sie richtig lag, dann würde es eine weitere Blüte geben, die ebenso grandios war, wie diese, die sie jetzt im Kasten hatte.

Credits

Platzhalter-Cover: Bilder pixabay/ Fotografen: melancholiaphotography, milivanily und Giglio_di_mare