Hüterin Widerwillen

Auserwählt zu werden, kann manchmal auch die A-Karte bedeuten - oder: Wie organisiere ich mein Leben als Auserwählte?

Hüterin Widerwillen

Genre: contemporary/ Urban-Fantasy

Trivia: Es gibt so unglaublich viele Bücher, in denen Menschen auserwählt sind, dass Schicksal (von was auch immer) zu wenden und zu einem Guten zu führen. Es sind recht häufig im Moment junge Frauen so um die 17 Jahre alt, die mit diesem nervenaufreibenden Job beauftragt werden. Es muss ein magisches Alter sein. Anders ist das nicht zu erklären. Meist sind es sensible, zierliche, gut aussehende Frauen, die in einer Umwelt leben, die sie nicht versteht und die ihren Wert nicht erkennen. Es ist mir nicht gelungen, was gänzlich anderes zu schreiben. Ne, ich bin gescheitert. Ich glaube, es liegt Sujet. Das folgt seinen eigenen Regeln. Aber dafür kam dann dieser Pan und die zwei zusammen … ich kann nicht behaupten, dass ich nicht meinen Spaß hatte und noch immer habe.

Status: Buch 1 beendet, in Überarbeitung, Buch 2 zu 30 % geschrieben.

Credits & Informationen

Leseprobe (Rohfassung)

Es war einmal vor langer Zeit …

Ein Prolog oder der Anfang von allem irgendwo in der Mitte von Jetzt und einem Ort nahe Hier unweit von Dort

Fi flatterte um Tonja herum, die sich in ein Buch vertieft hatte und auch nicht aufschaute, als die kleine Elfe sich auf ihre Schulter setzte. „Was liest du da?“, fragte Fi überaus neugierig und beugte sich sogar über ihren Schwerpunkt hinaus vor, was sie in eine kleine Notsituation geraten ließ. Die kleine Elfe musste flattern, um wieder auf ihren Sitzplatz auf der Nebelfee zu gelangen. Und Tonja war eine Nebelfee. Keine Besonderheit in diesen Breitengraden. Hier gab es sie weit häufiger als anderswo. Seltener war, dass sie, insbesondere Tonja, einfach so in der Gegend saß und dabei scheinbar selbstvergessen las.

„Ist ein Fantasyroman“, murmelte Tonja etwas abwesend und blätterte gerade um.

„Spannend?“, fragte Fi.

„Geht so!“

Fi hielt sich an Tonjas Haaren fest und beugte sich erneut vornüber.

„Du bist ziemlich neugierig“, sagte Tonja und jetzt endlich klang sie so, als würde sie überhaupt mitbekommen, dass sie nicht mehr allein war.

„Ja, normalerweise liest du auch kein Menschenbuch“, beschwerte sich Fi.

„Ein wenig Fortbildung kann nicht schaden.“

„Fortbildung?“ Fi konnte es nicht glauben. Sie oder er, so genau ließ sich das bei der Elfe nicht sagen, ließ sich fallen und landete elegant auf den Seiten des Buches, von wo aus sie in Tonjas Gesicht blickte. Etwas, was ein wenig schwer war, denn Nebelfeen hatten nicht die Angewohnheit, allzu viel von ihrer Gestalt und ihren Gesichtern preiszugeben. Wie sie es im Übrigen schaffte, dass die Seiten des Buches durch ihre Berührung nicht völlig aufweichten, war Tonjas Geheimnis.

„Ja, Fortbildung. Vielleicht steht hier drin, wie wir eine Hüterin bekommen.“

„In einem Menschenbuch?“ Dass Fi fassungslos war, dafür brauchte es keinen Subtext. Die kleine Elfe hatte gerade Mühe sich auf den Beinen zu halten. „Also, ich glaube ja nicht, dass man in einem Menschenbuch lesen kann, wie man zu einer Hüterin oder einem Hüter kommt.“

„Hüterin!“, korrigierte Tonja.

„Ach, und woher willst du wissen, dass es eine Hüterin werden wird und kein Hüter?“, fragte Fi ziemlich spitz.

„Weiß nicht. Aber der letzte war ein Hüter gewesen. Der davor auch. Vielleicht ist es jetzt anders. Die lange Zeit …“

„Frauen brauchen lange vor dem Spiegel und deshalb dauert es so ewig, dass eine Frau geeignet ist und sich der Öffentlichkeit zeigt.“

Tonja blickte böse auf Fi. „Das sagst du mir?“, fragte sie.

Fi seufzte. „Es gibt ja auch Ausnahmen.“

„Ich stelle mal die steife Behauptung auf, dass du von uns beiden der Spiegelgucker bist.“

„Gar nicht“, murmelte Fi. Sie trat ein wenig von einem Füßchen aufs andere.

„Lässt du mich wieder lesen?“, fragte Tonja.

Fi blickte wieder nach oben. „Wo ist eigentlich Marius?“

Tonja seufzte. „Der hat zu tun und das weißt du!“

„Ich will auch mal in die Menschenwelt“, quengelte Fi leise. „Eigentlich wir alle.“

„Es ist zu gefährlich. Ohne Begleitung gehst du da nicht hin.“

Fi trippelte herum und wirkte alles andere als glücklich. „Es ist für uns alle zu gefährlich, aber, wenn es so weiter geht, wahrscheinlich der letzte Ort, wo wir uns aufhalten können.“

Fi verzog das winzige Gesichtchen. „Vielleicht hat Marius ja Glück“, versuchte sie oder er es mit ein wenig Optimismus.

„Ausgerechnet Marius, mein schlechtester Abgänger.“

„Du hast ihn ausgebildet.“

„Falsch, ich bilde ihn noch immer aus, auch wenn das keiner weiter zu wissen braucht. Aber, so wie es aussieht, spielt es sowieso keine Rolle, wer gerade der Wächter ist.“ Tonja hielt das Buch hoch. „Wenn man nach Gevatter Zufall geht, dann dürfte uns jetzt, wo alles am schlechtesten steht, eine Hüterin auf die Füße fallen. Oder vor die Füße. Reine Ansichtssache.“

„Oh, ich hoffe es! Eine hübsche, die so anders ist, als die anderen Menschen.“

Tonja hatte nicht vor, der kleinen Fi irgendwie die Hoffnung zu nehmen, wobei sie den Hinweis mit dem Aussehen einfach ignorierte. Sie würden jede Hüterin nehmen, die da käme, wenn sie denn endlich käme und seit wann war das Aussehen von Bedeutung? Tonja setzte daher die kleine Elfe einfach auf ihre Schulter zurück und begann aus dem letzten Fantasyroman zu vorzulesen, den sie gekauft hatte. Eine Schnulze oberster Güte. Aber das Buch vertrieb die Zeit, bis Marius von seinem Ausflug zurück war.

Fi schnaufte gerade, als sie an eine Stelle kamen, wo die „Auserwählte“ gerade auf den Bösen hereinfiel. „Sind alle Menschen so dumm?“, fragte sie.

„Keine Ahnung“, murmelte Tonja. „Aber, es ist ein Buch. Du weißt von vornherein, wer der Böse ist. Im echten Leben sind Etiketten eine recht seltene Erscheinung.“

„Daran wird es wohl liegen“, erwiderte Fi. „Aber ich werde der Hüterin sagen, wer böse ist.“

Tonja lachte herzhaft und las dann, als sie sich beruhigt hatte, weiter für Fi vor.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, die in die Menschenwelt ging. Marius nutzte sie normalerweise nicht, denn sie verbrauchte einfach zu viel Magie. Kreidebleich und keuchend stand er da und hielt sich fast an der Klinke fest, da er scheinbar umzukippen drohte. „Der Ring ist weg!“, rief er und das war alles, was er noch sagen konnte, bevor ihn eine Flut von Fragen überrollte, die in der Mehrzahl in den ersten fünf Minuten nur von Fi kamen.

Das Leben ist kein Ponyhof, meine Liebe

Rumms! Knall!

„Scheiße!“

Rumms!

Smilla zog das Kopfkissen über den Kopf, in dem es hämmerte, und riskierte nur einen winzigen Blick. Es war hell in der Welt da draußen und selbst die blickdichten Rollos konnten diesen Umstand nicht verbergen. Schlimmer war, es war sogar verdammt hell und sie wusste, dass mindestens einer von zweien verschlafen hatte und zwei einen ausgewachsenen Kater hatten.

Eine Form der ganz besonderen montäglichen Logik, derer sich man nur sehr schwer entziehen konnte, selbst dann, wenn einem Magen und Kopf auf Grundeis gingen.

„Raus, du Penner, du hast verschlafen“, rief Smilla und trat nach Paul, ihrem Langzeitfreund, den selbst die Nachbarskinder nicht hatten wecken können. Dass diese so rannten und die Türen nicht zu halten bekamen, bedeutete, dass es etwa 7:35 Uhr war und damit Paul eine gute Stunde fehlte, um auch nur mit gehäuftem Glück pünktlich bei seiner Arbeit anzukommen. Aber Paul gehörte nicht zu den Glückspilzen auf dieser Welt, wie auch das Glück innerhalb dieser vier Wände sowieso nicht dicht an dicht gesät war.

„Paul! Wach endlich auf!“, rief sie lauter, stöhnte dann aber, da ihre eigene Stimme sie daran erinnerte, dass es Dinge gab, die man an einem Sonntagabend nicht machen sollte, wenn man das Vierteljahrhundert schon vor einer Weile hinter sich zurückgelassen hatte. Zum Beispiel zwei Flaschen Wein allein leeren.

Aber sie war, wie gesagt, mit diesem Fehltritt nicht ganz allein. Paul hatte sich an die Bierkiste gehalten. Die letzte von diesem Wochenende. Sie hatten am Freitag noch drei Stück davon gehabt.

Smilla hatte trotz der frühen Stunde die vage Vorstellung davon, dass das kein gutes Bild abgab.

„Paul, verdammter Flachwichser, raus! Das ist jetzt dein vierter Job, den du in den letzten zwei Jahren verlierst.“

Nein, es gab wirklich kein gutes Bild ab.

Sie stemmte sich auf, blickte zu Paul, der sich doch bewegt hatte. Die Decke lag über seinem Gesicht und er schien weiterschlafen zu wollen. Lediglich ihren Tritten war er ausgewichen, die sie recht großzügig verteilt hatte. Jetzt lag er soweit an der Bettkante, dass er runterfallen würde, wollte er noch weiter ausweichen.

„Bin krank“, kam es gedämpft von der anderen Seite.

„Das musst du deinem Chef selbst erklären“, erwiderte Smilla und erhob sich. Irgendwo hatte sie im Bad Kopfschmerztabletten deponiert. Da war sie sicher. Ihr letzter Absturz dieser Art war vor mehr als einem Monat. Aber dafür war dieser hier ein ganz besonderes Kaliber. Müde blickte sie sich im Spiegel über den Waschbecken an.

Die Frau, die sie darin erblickte, kannte sie nicht. Aber sie wusste auch, dass sie diese Frau war. Und eine Schönheit.

Eigentlich.

Im Moment jedoch war sie versucht, sich selbst die Zunge rauszustrecken und die Pennerin zu ignorieren. Abschaum, wisperte eine Stimme in ihrem Kopf. Es war ihre eigene und sie sagte ihr, sie solle die Klappe halten. Aber wem wollte sie etwas vormachen?

Sie war eine Verliererin oberster Güte. Beste in der Schule. Eine Schönheit gewesen, nach der sich die Jungs reihenweise die Finger geleckt hatten. Eine Mutter, die sich vor Ehrgeiz fast zerrissen und ihr durch Beziehungen die Welt vor die Füße gelegt hatte.

Vorbei.

Sie hatte jetzt Paul in ihrem Bett, das ihr Bett war, weil der Kerl es nicht schaffte, lange genug einer Arbeit nachzugehen, um nennenswert Geld zu verdienen. Sie hatte keinen Schulabschluss, weil sie sich hatte schwängern lassen, wenn auch nicht von ihm, und dachte damals, dass sie heiraten würde. In ihrer Vorstellung brauchte sie dann auch keine Ausbildung und erst recht keinen Schulabschluss mehr. Und jetzt saß sie hier ohne Kind, ohne Mann, ohne Haus, ohne Geld und versuchte alle paar Wochenende sich das Vergessen in den Einkaufswagen zu legen.

Nein, Smilla machte sich nicht die geringsten Illusionen darüber, wer sie war.

Nur manchmal spürte sie dem Schmerz nach und sie berührte ihren Bauch, genau da, wo für sie für ein paar Monate das Glück gesessen hatte.

Smilla riss die Tür vom Spiegelschrank auf und zupfte das Display der Kopfschmerztabletten hinter dem Zahnputzbecher hervor. Sie hörte, wie sich Paul leise fluchend aus dem Bett fallen ließ. In einem Punkt hatte er Recht: Er war nicht in der Lage zu arbeiten.

Das war der Moment, wo Smilla abschaltete und ihr übliches Morgenprogramm durchzog, das darin bestand, sich in einen menschenähnlichen Zustand zu versetzen, was in aller Regel von Duschen bis Kaffee trinken reichte. Sie selbst brauchte noch nicht zur Arbeit, aber ihre Schicht begann in absehbarer Zeit.

Pommes abfüllen, Burger in Tüten packen, ein Getränk anbieten und freundlich lächeln dabei. Smilla hasste es. Aber sie konnte es verdrängen und wenn sie nicht darüber nachdachte, war es erträglich.

Während Paul noch am Telefon hustete und schnaufte, um seinen Chef davon zu überzeugen, dass er mit einer Grippe im Bett lag und es ihm ziemlich übel ging, blickte Smilla mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinunter in das kleine Karree, das die Häuserblöcke bildeten.

Um diese Zeit war da niemand. Die meisten Bewohner hasteten zur Arbeit oder in die Schule und die ganz Alten saßen auf den Balkonen.

Paul schlurfte zu ihr und schnüffelte interessiert in Richtung Kaffeetasse. Das Gespräch mit seinem Chef war erfolgreich gewesen, was immer das in seinem Fall hieß.

„Kaffee ist noch in der Maschine. Mach dir eine eigene Tasse fertig“, wies ihn Smilla kurz angebunden zurecht.

„Ich liebe dich auch, Schatz“, erwiderte Paul beleidigt. „Früher hast du mir noch einen Kuss gegeben.“

„Früher dachte ich auch, dass du nicht der faule Arsch bist, der schon wieder seinen Job verliert und dann Wochen braucht, bis er eine neue Anstellung findet. Du weißt, dass wir das Geld brauchen und machst immer wieder so einen Scheiß!“

Paul knallte die Küchenschranktür zu. „Was? Was blökst du mich so an? Du hast schließlich auch gesoffen, oder was? Hat die Prinzessin heute ihre Tage oder warum bist du so angepisst?“

Smillas Blick hätte Paul in Staub verwandelt, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre, so jedoch verzog er nur das Gesicht. „Hältst dich für was Besseres!“, rief er.

„Nein, aber ich halte dich nicht noch mal für Wochen aus, während du das Geld verprasst. Ja, ich habe auch gesoffen. Aber ich werde nachher losgehen und meine Schicht durchziehen. So sieht es nämlich aus.“

Paul schnaufte nur abfällig. „Wenn du so gut bist, warum gibst du dich dann mit mir ab? Bin wohl der beste Stecher, den du bekommen konntest, Schlampe?“

Smilla packte die Wut. „Raus!“, sagte sie leise.

„Bitte? Du willst mich rausschmeißen? Na, danke auch. Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“

„Nicht deine Mutti“, erwiderte Smilla, „und auch nicht deine Hure, wenn dir danach ist. Pack deine Sachen und hau ab. Raus hier!“

Paul starrte sie sekundenlang an, dann ging ein Ruck durch ihn und er stampfte ins Schlafzimmer. Es knallte und rumste, dann war er keine fünf Minuten später mitsamt einer schlecht gepackten Tasche und leidlich angezogen aus der Tür, die er mit Verve ins Schloss knallte.

Smilla atmete tief durch. Sie hatte keine Ahnung, warum sie das gerade getan hatte. Aber ihr Widerwille war auf einmal so groß gewesen, dass sie Paul nicht eine Sekunde länger um sich hatte haben können. Dieser Mann ging ihr gehörig auf die Nerven. Immer wieder fand er Gründe, warum er diese Arbeit oder eine andere nicht machen konnte. Immer wieder hatte sie für alles bezahlen müssen. Sogar seine Spielschulden hatte sie übernommen.

Doch warum es sie ausgerechnet jetzt packte, wusste sie nicht. Sie spürte nur die dumpf hämmernden Kopfschmerzen hinter ihrer Stirn und sie hasste es. Sie hasste alles. Ihr Leben, die Schmerzen, diese Wohnung, den Kaffee.

Sie stellte die Tasse auf den Küchentisch, zog ihre Jacke und Schuhe an und ging dann einfach. Noch hatte sie zwei Stunden, bis sie zur ihrer Schicht in dem Fastfoodtempel auftauchen musste, um dann die Mittagszeit zu stemmen. Also gab sie dem Drang nach, ein wenig frische Luft inhalieren zu müssen. Eigentlich wollte sie weit mehr als das. Eine richtige Zigarette war es, die sie wollte.

Doch das Wissen, wie lange sie gebraucht hatte, um dieses Gefühl, eine Zigarette zu brauchen loszuwerden und den ganzen anderen Mist, hielt sie davon ab, schwach zu werden.

Loslaufen musste sie dennoch. Nur ein paar Meter, um den Kopf wieder freizubekommen. Eindeutig war sie heute mit dem falschen Fuß aufgestanden. Ihre Tage hatte sie dennoch nicht und zudem war es eine Frechheit. Wenn er launisch war und sie anbrüllte, hatte er wohl auch seine Tage. Jetzt, wo sie so darüber nachdachte, störte es sie, wie Paul mit ihre geredet hatte.

Sie gab aber auch im Stillen zu, dass sie hätte netter sein können. Aber wie sie schon in der Küche bemerkt hatte, war ihr Unwille größer gewesen als ihre Nachsicht und ihre Nettigkeit, die sie auch hatte. Zweifelsfrei.

Sonst hätten sie beide kaum mehr als drei Monate ausgehalten. Mit dem heutigen Tag waren es fünf Jahre und knapp neun Monate, die sie zusammengelebt hatten und Smilla fühlte sich ein gutes Stück erleichtert.

Ja, sie brauchte das Geld. Aber sie hatte ohne ihn weit mehr Freiraum und sie brauchte sehr viel weniger als der Prinz für sich in Anspruch nahm. Smilla behielt die Straße im Auge, da sie nicht vorhatte, ihrem frischgebackenen Ex über den Weg zu laufen. Der trieb sich sicherlich noch hier rum. In diesem Moment fiel ihr ein, dass er den Wohnungsschlüssel hatte. Den musste sie sich natürlich noch zurückholen.

Sie hoffte, dass er keinen Scheiß bis dahin anstellte. Ein wenig fühlte sie Beklemmung aufsteigen. Das hatte man wohl davon, wenn man wenig strategisch Schluss machte. Jetzt musste sie zusehen, dass Paul sich nicht an ihr rächte. So richtig wusste das Smilla nicht einzuschätzen. Paul war ein wenig ausgeglichener Mann. Nun gut, heute hatte er auch allen Grund, sauer auf sie zu sein.

Smilla schwankte ein wenig zwischen Amüsement und Sorge. Egal war ihr Paul nicht. Aber es war wie es sich schon vorhin angefühlt hatte, die richtige Entscheidung gewesen. Ein wenig mehr Taktik und der Anschein von Nettigkeit hätten aber keinesfalls geschadet.

Ein kleiner Seufzer entfleuchte Smilla. In ihrem Magen war ein Loch. Sie hatte und war dankbar dafür, lenkte es sie doch von dem ab, was sie auf die Straße getrieben hatte. Wie von selbst fanden ihre Füße den Weg zu dem kleinen Bäcker um die Ecke, wo sie sich ein paar Brötchen holte. Mit sich und der Welt wieder weitestgehend im Reinen ging sie dann wieder zurück.

Die Gegend, in der sie lebte, besaß nicht den größten Wohncharme, aber sie war ziemlich froh, dass sie hier eine Wohnung hatte ergattern können. Es gab nette Leute, einen Bäcker und einen kleinen Supermarkt und auch sonst war das meiste gut zu erreichen. Es gab sogar Bäume und in fast jedem Wohnkarree gab es einen grünen Innenhof, wo die Kinder spielten. Sie hätte es schlimmer treffen können.

Als sie um die Ecke trat, sah sie Paul wieder. Er lungerte in einem immer noch ziemlich erbärmlichen Zustand vor dem Kiosk, wo er sich wohl gerade Nachschub für seinen Kater erhoffte. Smilla wartete ab, ob er gleich gehen würde und stellte fest, dass sie wohl einmal mehr an diesem Morgen kaum Glück hatte.

Das hieß für sie einen Umweg gehen. Seufzend nahm sie diesen Aufwand in Kauf, während ihr außerdem einfiel, dass sie die Trennung noch ihrer Mutter heute Abend erklären musste. Den Termin hatte sie beinahe wieder vergessen. Doch das war erst einmal unwichtig. Sie musste jetzt das Problem mit Paul soweit lösen, dass es keine weiteren Probleme mehr gab. Keine Auseinandersetzung mehr vor dem ersten Kaffee, beschloss sie. Besser noch nach dem zweiten erst, und das Frühstück musste auch verdaut sein.

Etwas fester als nötig, packte Smilla ihre Brötchentüte und machte kehrt. Fast lief sie den Weg zu ihrer Wohnung und war dann erleichtert, als sie endlich um die letzte Ecke gelaufen war. Plötzlich musste sie jedoch geblendet ihre Augen zusammenkneifen und wäre fast mit jemand zusammengestoßen. Der Typ murmelte etwas von Entschuldigung oder etwas anderes und war ziemlich schnell zwanzig Meter weiter.

Smilla jedoch war noch immer geblendet und es half auch nichts, dass sie ihren Kopf bewegte und die Augen zusammenkniff. Es war, als wäre die gesamte Straße vor ihrer Wohnung in ein helles, gleißendes Licht getaucht. Doch so plötzlich, wie es da war, war es auch wieder verschwunden.

Smilla blinzelte und schüttelte den Kopf. „Was war das?“, fragte sie sich selbst und blickte sich um. Aber sie war wieder allein und der Typ, den sie fast über den Haufen gerannt hatte – oder er sie – war auch schon nicht mehr zu sehen. Noch einmal blickte sie in die Straße, um vielleicht zu erkennen, was es gewesen sein konnte, was sie derart geblendet hatte. Aber da war nichts. Selbst der bedeckte Himmel und ein offenes Fenster taugten nicht als Grund und Antwort für ihre Frage.

Dann eben nicht, dachte sie und vergaß fast im gleichen Moment, was passiert war. Aber nur fast. Denn wieder blitzte etwas auf und Smilla kniff erneut fast schon automatisch die Augen zusammen. Doch das hier war anders. Es gab nur ein Glitzern in einem der mehr schlecht als recht gepflegten Rabatten vor den Häusern. Nicht stark genug, um sie zu blenden.

Neugierig trat Smilla näher, erwartete aber nicht mehr als ein verloren gegangenes Spielzeug oder einen dieser Kristalle aus Glas oder Plexiglas, die sich manche Leute in die Fenster hängten.

Ein wenig überrascht blickte sie auf einen Ring. Er war groß, besaß eine Art Siegelplatte, in die ein paar Steine um einen größeren Stein eingelassen waren. Smilla blickte sich um, um zu sehen, ob jemand sie beobachtete. Aber da war niemand. Die Straße war, wie um diese Zeit üblich, eher weniger belebt. Nur ein paar verspätete Schüler hasteten vorbei.

Smilla hockte sich hin und nahm mit spitzen Fingern den Ring an sich. Nicht, dass sie Angst vor dem Ring hatte, aber ihre innere Stimme riet ihr, ein wenig vorsichtig zu sein. Sie rechnete außerdem damit, dass jemand sie anpöbelte und fragte, was sie mit dem Eigentum fremder Leute täte. Aber nichts dergleichen geschah, außer dass sie diesen Ring auf ihrer Handfläche liegen hatte und er schwer war. Aber nicht nur das. Irgendwie fühlte sich das Metall geschmeidig und warm an.

Smilla hielt sich den Ring ganz nah vor die Augen. Die Oberfläche war keinesfalls glatt, wie sie geglaubt hatte. Vielmehr wanden sich feinziselierte Ranken um die Rundungen. Es gab keine Fläche, die nicht davon bedeckt war.

Smilla stand wieder auf und blickte sich erneut um. Das hier war kein Geschenk aus einer Überraschungstüte. Dieses Schmuckstück war teuer und kostete sicherlich weit mehr, als sie innerhalb eines Jahres verdiente. Das Siegel selbst verriet, dass es sich um ein Statussymbol handelte. Vielleicht gehörte er einer alteingesessenen Familie, die adligen Wurzeln hatte.

Doch, wenn dass der Fall war, warum lag er dann unbeachtete in den Rabatten eines Stadtviertels, wo sich Leute, die so etwas besaßen, ganz sicher nicht herumtrieben? Während Smilla diese Frage wälzte und die Straße rauf- und runterschaute, konnte sie niemanden entdecken, der ihr das Fundstück wieder abnehmen wollte.

Mit einem Schulterzucken betrachtete sie es und steckte es in die Hosentasche. Jetzt konnten sie das Geheimnis sowieso nicht ergründen. Erst einmal war Frühstück angesagt, dann musste sie überlegen, wie sie ihre Wohnung vor Paul einbruchsicher bekam und dann konnte sie nachdenken, wie sie den Besitzer des Ringes ausfindig machte. Der Gedanke an Polizei behagte ihr nicht. Aber ihre Erfahrung sagte auch, dass es nichts brachte, einen Aushang zu fertigen und auf den Ring hinzuweisen. Dann würde sich jeder Hinz und Kunz melden und frei Schnauze behaupten, dass er der Eigentümer sei.

Smilla sah sich nicht als Genie an, aber sie war auch nicht so dämlich, wie Paul es gern behauptete. Schließlich war sie mal eine Einserschülerin gewesen. Dennoch, die Polizei aufsuchen …

Allein der Gedanke schreckte sie ab. Noch hatte Smilla keine ernsthaften Probleme mit der Polizei gehabt. Sie war mal als Siebzehnjährige betrunken abgefangen und nach Hause gebracht worden. Das war das schlimmste überhaupt gewesen. Ansonsten tendierte ihr Kontakt gegen Null. Trotzdem war da immer dieses ungute Gefühl, man habe gesündigt und die Damen und Herren in Blau erkannten das allein daran, wie man sich bewegte.

Vielleicht unterstellten sie ihr auch, sie habe den Ring gestohlen. So absurd der Gedanke war, schließlich wollte sie ihn zur Polizei bringen, so wenig war sie in der Lage, diese Vorstellung abzustreifen.

Smilla nahm sich vor, erst einmal nicht weiter darüber nachzudenken. Die nächsten Stunden bereitete sie sich vielmehr körperlich und mental darauf vor, einmal mehr eine öde Schicht zu überleben. Sie vergaß dabei sogar Paul und das Problem mit dem Haustürschlüssel.

Und ab 12 hörte Smilla auf, Smilla zu sein. Sie schaltete alles ab, was nicht unbedingt für ihre Arbeit nötig war. Lächelte, bediente am Schalter, füllte Pommes auf, ignorierte das penetranten und stete Piepsen, das den Call für die Kollegen ausgab, etwas zu tun, und kassierte Geld von teilweise guten, teilweise auch schlecht gelaunten Kunden.

Alles im allem war es ein normaler Tag. Abgesehen von Pauls Rausschmiss.

Doch das änderte sich, als Smilla ihrem letzten Kunden vor der anvisierten Mini-Pause nach dem Mittagsrun ins Gesicht schaute.

„Für mich zwanzig große Pommes, zehn Majo- und zehn Ketchup-Tüten. Dazu zwei Liter Cola“, bestellte der. Smilla jedoch starrte ihn nur an. Sie konnte nicht fassen, was sie sah und versuchte noch die Realität von dem zu trennen, was sich vor ihren Augen abspielte.

„Bitte?“, fragte sie, als ihr Verstand meldete, dass der Typ etwas gesagt hatte, während der niedliche Fliegenpilz ein kleines Stück größer wurde, der ihm aus dem linken Ohr wuchs. Doch das war nicht das eigentliche Problem. Das war geradezu zu vernachlässigbar. Der Kunde sah aus, als wäre er aus Holz. Ein Baum oder Baumrest oder etwas anderes aus Holz und Borke. Moos-, pilz- und farnbewachsen und ab und an schien etwas auf ihm herumzukrabbeln.

„Ich möchte zwanzig große Pommes, zehn Majo- und zehn Ketchup-Tüten. Dazu Cola XXXL“, wiederholte der Baummann mit sonorer, leicht raspeliger Stimme und Smilla nickte nur. Ihre Lippen und überhaupt, ihr Mund schienen auf einmal für eine Fortführung des Kunden-Counter-Gesprächs zu trocken. Dabei waren die Standardsätze in ihr Gehirn eingebrannt.

„Hast du was?“, zischte ihr Supervisor sie an.

Smilla schüttelte nur den Kopf. Inga, ihre Kollegin hatte schon bei der Großbestellung Pommes fast eine Tüte komplett als Nachschub in die Fritteuse ausgeleert. Für die ersten zehn Schachteln reichte der Vorrat in der Warmhaltebox.

Smilla schlussfolgerte, dass sie gerade einen ganz schlechten Trip hatte, da keiner ihrer Kollegen etwas sagte und ihr Chef gewohnt souverän die nächste Bestellung per Headset am Auto-Drive entgegennahm.

„Kein Problem. Möchten Sie noch etwas dazu?“, fragte Smilla freundlich und ignorierte, dass der Fliegenpilz im Ohr sich zurückzog und eine kleine Familie Pfifferlinge, zumindest glaubte sie, dass es Pfifferlinge waren, etwa auf Herzhöhe zu sprießen begannen. Ein Schmetterling, dessen Flügel seltsam glitzerten, setzte sich auf den Minifarn daneben. Alles in allem ein idyllisches Bild, wenn man sich nicht vergegenwärtigte, dass das kein Landschaftsbild, sondern ein Kunde vor ihrem Counter war.

„Nein, das wäre alles.“

Smilla lächelte tapfer. „Zehn Portionen Pommes können Sie gleich bekommen. Die nächsten würde ich Ihnen an den Tisch bringen“, erklärte sie und legte zu dem Zweiliter-Pott Cola die Tütchen mit Ketchup und Mayonnaise aufs Tablett.

„Kein Problem. Ich setze mich ans Fenster“, deutete der Baummann unbestimmt in die hintere Ecke des Restaurants.

Ihre Kollegin, die gerade die ersten sechs Portionen zusammengeschaufelt hatte, blickte sie merkwürdig an. „Krank?“, fragte sie.

Smilla schüttelte den Kopf. „Nein, nichts! Alles in Ordnung. Ich habe mich nur etwas erschreckt. Hatte aber nichts mit ihm zu tun“, log sie und machte die letzten vier fertig.

Den Baummann abzukassieren und ihn zufrieden mit seiner Beute von dannen ziehen zu sehen, schaffte sie, ohne einen weiteren Blick auf das ungewöhnliche Geschehen zu riskieren. Das Gesicht des Mannes war schon ungewöhnlich genug und es unterstützte nicht wirklich Smillas Selbstbeherrschung, dass der Schmetterling seinen Landeplatz auf dem Minifarn verließ und mit einem Kumpel jetzt den Kopf des Baummannes umschwirrte.

Smilla fragte sich, ob sie irgendwie mit LSD in Kontakt gekommen war. Anders konnte sie sich nichts von dem hier erklären. Sofern sie es schaffte, sich nicht allzuviel anmerken zu lassen, dass ihr Blick auf die Realität gerade mächtige Risse bekam, konnte sie vielleicht diese Schicht überleben und sich mit einer Mütze voll Schlaf auskurieren.

Zusammen mit der Idee des Ausschlafens fiel Smilla wieder ein, dass sie noch eine Verabredung zum Abendbrot mit ihrer Mutter hatte. Eigentlich Eltern, aber es war ihre Mutter, die darauf bestanden hatte.

Smilla schickte ein Stoßgebet in den Himmel und hoffte, dass sie durchhielt.

Als sie die letzten Pommes dem Baummann an den Tisch geliefert hatte, war sie unendlich froh, endlich etwas Pause zu haben.

Sie verzog sich mit einem Wink an ihren Supervisor in das kleine Zimmer, wo schon Inga und Andre auf sie warteten.

„Du sahst vorhin aus, als hättest du etwas Schlechtes gegessen“, begrüßte sie Inga auch gleich.

Smilla winkte ab. „Hast du eine Kippe?“, fragte sie.

Inga tauschte mit Andre einen bedeutungsvollen Blick aus. „So schlecht also“, kommentierte Andre und er war es, der Smilla seine Packung Zigaretten über den Tisch schob.

Inga stand auf und öffnete die Tür nach draußen. Es wurde nur geduldet, dass sie hier rauchten, daher war Lüften obligatorisch.

„Nein, mir geht’s schon wieder gut“, beschwichtigte Smilla und nahm einen ersten tiefen Zug von ihrer ersten Zigarette seit nun fast sechs Jahren. Den Hustenreiz unterdrückte sie. Gekonnt war gekonnt.

„Glaube ich dir nicht!“, meinte Inga und lehnte sich entspannt zurück.

Smilla überlegte, was sie sagen sollte. Der leicht inquisitorische Blick ihrer Kollegin riet ihr, ihr irgendetwas zum Fraß vorzuwerfen. Sie seufzte vernehmlich und ignorierte das leichte Kratzen in ihrer Kehle.

„Na gut“, meinte sie und es war eher für sie das äußere Zeichen, dass sie entschieden hatte, etwas zu sagen. Aber Inga lehnte sich vor und Andre grinste ein wenig vor sich hin. „Ich habe heute Paul vor die Tür gesetzt.“

Andre gab die entspannte Haltung auf und beugte sich vor, während lnga noch ihre Gesichtszüge einsammelte, die ihr abrupt entglitten waren.

„Bitte? Was hast du getan?“, fragte Andre.

„Ich habe ihn heute Morgen für die Tür gesetzt. Er war zu besoffen gewesen, um auf Arbeit zu gehen und ich hatte dieses Mal keine Geduld, das Spielchen von vorn zu beginnen.“

„Oha!“, kommentierte Inga. „Naja, ein kleiner Alkoholiker ist er ja schon und du hast ihm ja auch seine Schulden bezahlt. Er sollte schon zusehen, dass er den Boden unter seinen Füßen behält. Aber so abrupt?“

Smilla wirkte vage schuldbewusst, als sie mit der Schulter zuckte und sie wusste es auch. Sie hatte es sich schon selbst erklärt, aber das hieß nicht, dass sie wirklich und zu jeder Sekunde, wo sie darüber nachdachte, auch von ihrer Tat überzeugt war. Anscheinend war sie ein Weichei, wenn es ihr nicht gelang, zu ihrer Tat und ihrer Entscheidung zu stehen. Das aber in letzter Konsequenz sich selbst einzugestehen, mochte sie dann wiederum auch nicht. Nicht mal in ihrem Inneren. Also ärgerte sie sich über schuldbewusste Geste und das Wissen, dass sie nicht anders konnte.

„Ich wollte das nicht noch einmal durchmachen. Wenn er sich so gehen lässt, dann geht er bald wieder los und zockt herum. Wir hatten vor Wochen über Heiraten gesprochen und ich hatte auch ernsthaft überlegt. Aber heute Morgen, ich konnte ihn nicht ertragen.“

Andre schnaufte. „War er dir auf einmal nicht mehr gut genug.“

„So ist das nicht richtig“, wehrte Smilla ab, „ich habe fast anderthalb Jahre für seine Schulden Überstunden gekloppt, weil er es nicht geschafft hat. Er hatte einen Hilfsjob nach dem anderen in den Sand gesetzt und jetzt scheint es wieder von vorn loszugehen. Ich bin doch keine Kuh, die man ständig melken darf. Mal ernsthaft, wenn deine Freundin das mit dir machen würde, kämst du damit klar?“

Andre verzog die Mundwinkel und nickte dann. „Stimmt ja, aber es kam wirklich etwas abrupt. So vor dem Kaffee, vermute ich mal.“

Smilla hustete, weil ihr jetzt wirklich der Rauch der Zigarette quer saß. „Ähm …“, räusperte sie sich.

„Nicht einmal einen Kaffee?“, fragte Inga und irgendwie klang da eine Menge Schadenfreude mit.

„Nun ja, ich habe mich geweigert, ihm einen einzugießen, als er an meiner Tasse geschnüffelt hat. Er wollte mir meine Tasse nehmen.“

„Oh, wie abtörnend und so unromantisch“, stellte Inga fest.“

„Ihr Weiber macht es euch aber auch immer zu einfach. Bei euch muss es immer der romantische Prinz sein“, beschwerte er sich. „Und, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, kommt der Rausschmiss.“

„Hey“, rief Smilla, „mag ja sein, dass der Rausschmiss jetzt nicht ganz ladylike war, aber ehrlich? Was hat das mit einem Prinzen zu tun. Ich meinte es mit Paul ehrlich, aber er bekommt sein Leben nicht die Reihe. Ich bin keine Heilige und irgendwann kann ich auch nicht mehr. Was ist so kompliziert daran, ein normales Leben zu führen? Das hier ist jetzt nicht das Paradies, aber andererseits es geht. Warum bekommt er das nicht auf die Reihe? Er hat sogar den Tankstellenjob hingeschmissen. Hör mal, das ist jetzt wirklich nicht so großer Aufwand. Das mit dem Zeitungsaustragen war ganz sicher nicht der Hit und darüber hinaus schlechter bezahlt. Da konnte er bei der Tanke ganz anders arbeiten und wurde auch noch besser bezahlt. Aber nein, geht für ihn nicht klar. Ich bin nicht seine Bank, seine Mutter, seine Putze und seine Hure. Sorry, ein wenig muss er auch den Arsch hochbekommen. Ich habe nie viel von ihm verlangt. Also nichts mit Prinzen“, erklärte Smilla immer aufgebrachter.

„War nicht so gemeint!“

„Vergiss es, Andre, er meint nämlich auch, dass ich mich wie eine Prinzessin benehmen würde. Hallo? Wo lebe ich eigentlich? Und ganz übel war der Spruch mit meinen Tagen. Wenn der Herr schlecht gelaunt ist, ist das ernst zu nehmen. Aber wenn ich schlecht gelaunt bin, dann habe ich meine Tage. Aber danke schön nochmal!“

Andre presste die Lippen zusammen.

„Großes Fettnäpfchen“, murmelte Inga und Andre nickte.

„Sorry!“, entschuldigte sich Andre. „War nicht so gemeint, ehrlich. Vielleicht kann ich ja Paul noch mal den Kopf waschen. Er ist ja sonst ein netter Kerl, aber er könnte schon etwas in die Pötte kommen.“

Smilla wehrte ab. „Lass es, Andre! Ich bleibe jetzt Single und ich hoffe, dass er mir nicht die Bude aus Rache leerräumt. Der glaubt wahrscheinlich, dass ihm alles gehört.“

„Tut es nicht?“, fragte Inga.

„Nicht ein Stück. Nur die Sachen, die er am Leibe trägt, ein paar Klamotten im Schrank und die Zahnbürste im Bad. Alles andere kommt von mir. Er kam mit nichts und das hat sich seitdem nicht geändert.“

„Eure Pause ist zu Ende“, tönte es auf einmal aus der Sprechanlage. Smilla, Andre und Inga blickten synchron auf ihre Handys.

„Eine Minute noch“, maulte Andre. „Sklaventreiber!“

„Lass ihn das nicht hören“, warnte Inga. An Smilla gewandt, meinte sie: „Der wäre ehrgeizig genug. Vielleicht ist er was für dich?“

Smilla lachte nur trocken, drückte ihre Zigarette aus und ging zur Tür. „Der hat eine Freundin und die sind verlobt, soweit ich weiß und darüber hinaus ist er das andere Extrem. Ein Normalo wäre nicht schlecht.“

„Dann wäre ich was“, meinte Andre noch ohne Grinsen.

„Und du bist in festen Händen“, erinnerte Inga ihn an ein wichtiges Detail.

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Platzhalter-Cover: Bilder von Pixabay (Künstler und Fotografen: Mysticsartdesign (Bonny Bendix), Yuri-B, PublicDomainPictures, GDJ, komposita)