Die Melodie der Traumweber

Eine traumhafte Story mit einem neunmalklugen Erzähler

Erhältlich über Amazon und direkt bei Weibsbilder-Verlag.

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Die Melodie der Traumweber

Genre: Contemporary/ Urban-Fantasy

Verlag: Weibsbilder-Verlag

Klappentext: In den Raunächten zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn die Grenzen zwischen Traum und Realität besonders dünn sind, geschehen manchmal seltsame Dinge. Und manchmal sind es Träume, mit einer ganz besonderen Kraft.
Komm mit!
Lass mich für dich einen Traum weben …

ISBN: folgt (ebook)/ print (folgt)

Preis: 5,49 €  (ebook)/ 11,95 € (print) bzw. 10,95 € (abweichendes Format)

Veröffentlichung: 25.11.2017 (zur Buch Berlin)

Trivia: Sie entstand aus einer Idee, die mich beim Lesen von einer von kimeras Geschichten überfiel. Irgendwann vor sieben Jahren. Sieben Jahre bevor ich sie tatsächlich schrieb. Das Problem war, dass ich sie nicht schreiben konnte. Fünf Dutzend Anfänge und ich bekam es nicht hin. Die Idee war da. Plott, Figuren. Alles vorhanden. Aber sie ließ sich einfach nicht erzählen. Bis dann eines Tages dieser Typ auftauchte. Dieser Erzähler. Er hat mich immer mit rund 1.500 Wörtern bei der Stange gehalten und dann fortgeschickt. Er sagte aber, ich erzähle die Geschichte und du schreibst sie auf. Ich habe keine Ahnung, ob und wann ich die Geschichte von Samuel erzählen darf – oder aufschreiben. Ich bin so unglaublich neugierig.
Der Arbeitstitel der Geschichte lautete ursprünglich: Der Kristallbaum

Credits & Informationen

Leseprobe

 

 

Der Beginn einer Geschichte

 

Wo soll ich beginnen, mein Freund? Die Eröffnung einer Geschichte ist meist schwer und selten ist sie geradlinig. Das wäre einfach. Zudem gibt es bei dieser Geschichte mehr als einen Anfang. Einem Strahlenkranz gleich führt jeder davon zu dem Punkt, an dem die Begebenheit sich entzünden wird.
Jeder Strahl will dabei näher betrachtet werden und doch, um eine Entscheidung komme ich nicht herum, denn ich kann nicht alles erzählen. Mit Mut werde ich daher wählen und mich all meiner Fähigkeiten bedienen, derer ich mich rühme. Aber das Wanken und Zaudern ist Teil der Geschichte, und so ist der Anfang weit mehr als nur der Beginn.
Vielleicht magst du mir folgen. Ein kleines Stück auf meiner Reise. Es ist ein geschenkter Moment. Lass ihn mich bitte für dich weben.

 

Es ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, nachdem in der westlichen Hemisphäre der Ausnahmezustand geherrscht hatte und die Menschen, je näher diese Tage gerückt waren, immer verrückter geworden waren. Stell dir vor, wie noch vor wenigen Stunden die gleichen Leute über die Gehsteige ihrer Städte gejagt waren auf ihrer Suche nach dem besten aller Geschenke für die Menschen, die sie damit beglücken wollten. In den großen und auch kleineren Städten in all diesen Ländern, die diesen Brauch pflegten, stauten sich die Autos bis in die Peripherie. Die Bahnhöfe quollen über vor Einkaufswütigen, die mit gesenktem Blick, die Nasen in die Schals gedrückt, zu den Konsumtempeln strebten, um dort die Augen im Glanz der vorweihnachtlichen Tage zusammenkneifen zu müssen, da sie geblendet wurden.
Doch just als diese Feiertage endeten, ab diesem Moment war nichts mehr davon zu spüren.
Der Klangteppich von Weihnachtsliedern wirkt schräg und falsch, nun, da die letzten Geschenke verteilt und das bunte Papier in die vielen Tonnen gestopft worden war. Auch die nachweihnachtliche Zeit mit ihrem Umtauschen fehlgegangener Präsente neigt sich dem Ende zu. Die ersten Geschäfte senken gerade ihre Rollläden über die noch festlich dekorierten Schaufenster, deren Glanz nun schal wirkt. Der Duft von gebrannten Mandeln und warmer Zuckerwatte ist verflogen, als hätte es ihn nie gegeben. Nur die Ahnung dieses Dufts bleibt wie ein Traum. Ein kleines Versprechen. Eine Erneuerung von Raum und Zeit. Von Gefühlen und Gedanken an die Zukunft. Die Erwartung, die darin steckt, die doch so anders ist als das Warten bei Punsch und Zimtplätzchen.
Bist du bei mir, mein Freund? Kannst du dich daran erinnern? Die Süße und Würze noch schmecken und riechen?
Da ist eine seltsame Leere, die doch nicht so leer ist, wie es scheinen möchte. Abschied und Erwartung liegen in der Luft. Und jetzt stell dir vor, dass die schmutzig schimmernden Straßen und Gehwege langsam, aber stetig unter einer immer dicker werdenden Schicht von Schneeflocken verschwinden.
Das ist die Zeit, in der diese Geschichte beginnt, von der ich dir erzählen will. Es ist die Rauzeit mit ihren Geistern. Dann, wenn der Wind Mensch und Tier in ihre warmen Behausungen lockt, um dort zusammen Geschichten zu lauschen – sei es von jemandem wie mir oder von der Flimmerkiste. Lausche daher meinen Worten.

 

Der Schnee war schon den ganzen Tag gefallen, doch jetzt, da die Menschen sich erschöpft nach Ruhe sehnten, wurde das Treiben dichter. Schneeflocke an Schneeflocke verhakte sich, wurde dicker und weicher. Die Gehwege, nicht mehr durch unzählige Tritte frei gehalten, wurden weiß, ebenso die Straßen, auf denen nur noch gelegentlich ein einsames Taxi vorbeifuhr. Noch viel seltener ein Bus, der die letzten hartnäckigen Einkaufswilligen nach Hause brachte.
Unweit von einer dieser Einkaufsmeilen befand sich eine kleine Galerie und der Inhaber trug den klingenden Namen Nikolas Peterson.
Er war ein Mann von eher kleinerer Statur, zierlich traf es auch. Sein Hang zu auffälliger Kleidung war in seinen Kreisen legendär und in seinem Beruf als Inhaber einer Galerie sicherte ihm dies einen dramatischen Auftritt. Es war immer gut, wenn man nicht den Erwartungen entsprach – nicht nur innerhalb dieses Berufs. Darüber hinaus führte er mit Geschick eine scharfe Zunge, die ihn aber auch in Schwierigkeiten bringen konnte. Das nur zu seiner Beschreibung.
Nikolas beschäftigte etwas, und das nicht erst, seit sich dieser Tag dem Ende zu neigte. Einer seiner Künstler, den er als Freund betrachtete, war seit mehr als zwei Monaten von seinem Radar verschwunden. Es war nicht möglich, ihn zu erreichen, und die Sorge um diesen Mann wurde immer präsenter. Nikolas war kein sonderlich sentimentaler Mensch und ganz gewiss konnte ihm kein fürsorglicher Zug nachgesagt werden. Dennoch schätzte er ihn und er wusste aufgrund vieler gemeinsamer Jahre, dass es kein gutes Zeichen war, dass sein Freund sich nicht gemeldet hatte.
Schon einmal hatte sich dieser in tiefer Trauer und noch tieferen Schuldgefühlen verstrickt und war damals dem Tode näher als dem Leben gewesen. Seine Sorge über die lange Zeit des Schweigens gründete sich auf dieses Wissen und er wollte dieses Mal, da er wusste, was ihn plagen könnte, nicht warten, bis er ihn erneut im Krankenhaus besuchen musste. Woher sich diese Schuld speiste, war Nikolas bekannt, aber er war nicht in der Lage, die Düsternis aus der Seele dieses Mannes zu reißen. Doch er konnte in dessen Bildern sehen, wenn es wieder schlimmer wurde. Nur dieses Mal hatte es keine Warnung gegeben, was ihn nicht minder beunruhigte.
Aus diesem Grund und unter völliger Missachtung der Zeit, des bevorstehenden Jahreswechsels und des Wetters, das sich bedenklich entwickelte, hatte er sich daher entschlossen, die Pforten seines Geschäfts für ein paar Tage zu schließen, um sich auf die Suche nach seinem Freund zu begeben.
Er löschte die Lichter, stellte ein Schild ins Fenster, das darüber informierte, dass er erst im nächsten Jahr wieder zu öffnen gedachte, und ließ mit lautem Rasseln das Gitter über die Schaufenster hinunter.
Einen leisen Seufzer gestattete er sich noch, dann begab er sich zum nächsten Taxistand, um auf dem schnellsten Weg zum Flughafen zu gelangen.

 

Mein Freund, da du dich gerade fragst, ob er mit Gepäck zu seiner Reise aufbrach: Selbstverständlich. Und jetzt fragst du, aber wie kann das sein? Das ist doch völlig unlogisch und buchstäblich an den Haaren herbeigezogen, hat doch Nikolas den ganzen Tag in der Galerie verbracht – ich habe dir ja nichts anderes erzählt.
Mein Freund, du machst dir zu viele Gedanken an der falschen Stelle. Nicht alles ist wichtig oder nicht in dem gleichen Ausmaß wie etwas anderes – was auch immer es jeweils sein mag. Aber wenn es dich interessiert, werde ich dich über das Gepäck von Nikolas Peterson in Kenntnis setzen! Nikolas hatte sich am Abend zuvor überlegt, wenn er seinen Freund im Laufe des folgenden Tages nicht erreichte, würde er sofort abfahren und keine weitere Zeit verlieren. Wenn du jetzt noch fragst, was er alles in seiner Tasche hatte …
Sieh dir ganz genau meine Augenbrauen an und das Zucken meines Mundwinkels. Glaube mir, nicht alles in einer Geschichte hat dasselbe Gewicht oder man benötigte es gar. Du darfst mir vertrauen, dass ich dir alles das erzählen werde, was du benötigst. Man muss von einem Bild oder einer Geschichte nicht alles sehen oder hören, um zu wissen, dass es da ist. Denn in dir geschieht das Wunder, die Lücken zu füllen, die gar keine sind. Also, vergiss das profane Gepäck.
Es ist da und mehr gibt es darüber nicht zu erzählen.

 

Die Suche nach dem Unmöglichen

 

Weit entfernt von der Stadt, die der Galerist unter größter Sorge verließ, in einem Dorf mit gerade einmal zweitausend Seelen, machte sich eine junge Frau ein paar Gedanken über Seltsamkeiten, die von den meisten Menschen weniger als solche betrachtet wurden. Doch Patrizia van der Hand, so der Name der jungen Dame, scherte sich wenig um die Gedanken anderer Menschen, wenn es um Dinge ging, die sie interessierten. Sie wusste schon seit ihrer Kindheit, dass sie die Welt mit fremdem Blick betrachtete und es klug war, darüber zu schweigen. Die Sticheleien, die zweifelnden Fragen, die merkwürdigen Blicke und Tuscheleien hinter ihrem Rücken mochte sie nicht und so hatte sie sich bereits in zartem Kindesalter zur Eigenbrötlerin gemausert.
Dies war der Preis, der sich aus dem Streben nach Unabhängigkeit und nach Wissen ergab. Um welches Wissen es sich letztlich handelte, war ihr dabei einerlei. Es musste sie nur reizen.
Ihr aktuelles Interesse kreiste um Wetteranomalien und sie hatte sich eine Beobachtung ausgesucht, die sie in einem mehr als achtzig Jahre alten Interview erwähnt fand. Der Zeitzeuge berief sich dabei auf einen Artikel, der noch einmal gut zwanzig Jahre älter war. Diesen hatte Patrizia zu ihrem Bedauern trotz all ihrer Bemühungen nicht finden können. Also beschäftigte sie sich mit dem Interview, das leider nach ihrem Dafürhalten sehr unergiebig war.
Besagter Bericht beschäftigte sich auf den ersten Blick mit Nordlichtern. Das allein war nicht sonderlich erwähnenswert, auch nicht für Patrizia. Vielmehr interessierte sie als ersten Punkt auf ihrer Liste der Ort, an dem man die Nordlichter beobachtete hatte, und als zweiter die Ereignisse, die mit ihrem Erscheinen einhergingen: Es waren Halluzinationen.
Aufgrund ihrer Recherche wusste Patrizia, dass die Erde und damit auch ihre Magnetosphäre dieser Tage mit heftigen Sonnenstürmen rechnen musste. So etwas konnte man sehr leicht im Internet in Erfahrung bringen. Die Aktivitäten der Sonne führten unweigerlich dazu, dass die Nordlichter sehr viel weiter südlich zu sehen waren, als dies gewöhnlich der Fall war.
Jedoch war nur ihr Erscheinen erklärbar. Weniger erklärbar war der zweite Punkt auf ihrer Liste. Sie las jedes einzelne Wort über die Beschreibung der Nebenphänomene, die man mit Nordlichtern normalerweise nicht in Zusammenhang stellte, wie beispielsweise den besagten Halluzinationen sowie einer Massenhysterie. Jedes Wort von dem unbekannten Autor, der sich hinter der Chiffre anonym versteckte, kostete sie aus und strich mit ihren Fingerspitzen über jedes einzelne, als würde sich ihr dadurch das Geheimnis offenbaren.
Sie erhoffte sich angesichts der aktuellen solaren Wetterlage nur eines: Dass die Ereignisse von vor hundert Jahren sich dieser Tage wiederholten. Sie selbst wollte Zeuge dessen werden und sich notieren, was sie zu sehen bekam. Das bedeutete aber auch, dass sie mithilfe aller Hinweise, die sie fand und bereits gefunden hatte, einschätzen musste, wo die besagten Nordlichter erscheinen würde.
Während sie das tat, wälzte sie in ihrem Kopf noch ein paar andere Probleme. Sie war sich, wie bereits erwähnt, sehr wohl bewusst, dass die Nordlichter in aller Regel keine weiteren Ereignisse jedweder Art auslösten. Daher war zu vermuten, dass Herr anonym, der den alten Bericht in seinem Interview erwähnt hatte, einfach ein paar Dinge in Zusammenhang stellte, die nichts miteinander gemein hatten. Eine Kausalität musste keinesfalls bestehen. Aber Patrizia war bereit, das Risiko einzugehen.
Unter ihr klapperte und raschelte es plötzlich und sie fühlte sich in ihrer Konzentration gestört. Sie blickte auf die dicken Bohlen unter ihren Füßen. Es waren einmal grob abgehobelte Bretter gewesen, die durch intensive Nutzung glatt geschmirgelt worden waren. Wachs oder Lack hatte dieses Holz dabei noch nie gesehen. Ab und an verlor sich Patrizia nur zu gern in dem Muster der Maserung. In diesem Moment jedoch musste sie sich auf das konzentrieren, was sie aufgestöbert hatte, und sie ahnte bereits, dass der Störenfried nicht einfach so gehen würde.
Patrizias Stirn kräuselte sich aufgrund der Gefühle, die sie als Unwillen und Verärgerung identifizierte. Das Geräusch hörte auf, wobei sie nur zu gut wusste, dass die Stille ein Trugschluss war. Sie war nicht mehr allein in ihrem Reich. „Wolta, komm rauf und hör auf, dich anzuschleichen!“, rief sie genervt.
Wolta war ihr Bruder, der eigentlich Walter hieß. Doch wie konnte er Walter heißen, wenn er in einer Zeit geboren wurde, in der dieser Name allerhöchstens mit Opas und älteren Onkeln in Verbindung gebracht wurde?
Ihre Mutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihre Kinder nach ihren Großeltern zu benennen. Mit ihrem Namen hatte es Patrizia noch gut und sie hatte mehr als einmal einer unsichtbaren Macht gedankt, dass ihre Oma nicht Erna geheißen hatte. Wolta hatte es da weit übler erwischt. Zumindest bis zu der Zeit, als es ihm gelungen war, seinen wirklichen Namen mit seinem Spitznamen aus dem Gedächtnis der Leute zu tilgen. Selbst ihre Mutter sprach ihn mittlerweile mit Wolta an, das klang ein wenig russisch, ein wenig exotisch, was Wolta mit seinem Namen versöhnte.
„Was machst du?“, fragte ihr Bruder sie und schob seinen zerzausten Kopf durch die Luke im Boden.
„Nichts, was dich irgendwas anginge“, erwiderte Patrizia.
Wolta kannte das von ihr und ließ sich von der abweisenden Art nicht verletzen. Er kam ganz durch die Luke, was wirklich beeindruckend war, denn er maß stolze zwei Meter und war dabei nicht das, was man einen Hänfling nannte. Sein Kreuz war breit und die Hüften schmal. Er war der Bild gewordene Ausdruck eines jungen Mannes, der die Herzen der Mädchen und Frauen höherschlagen ließ, sofern man dafür empfänglich und nicht gerade seine Schwester war.
Patrizia seufzte erneut. „Was soll das?“, fragte sie. „Du weißt, dass ich allein sein will.“
„Und?“, erwiderte er. Er musste seinen Rücken krümmen und den Kopf einziehen, um sich nicht an den Dachschrägen zu stoßen.
„Geh!“
Wolta grinste breit. „Meine liebe kleine Schwester“, gurrte er und erntete dafür einen bösen Blick. Sie hasste es, wenn er sie so nannte. Weder war sie lieb noch klein.
„Ich werde mitgehen, wohin immer du planst zu gehen“, verkündete er, als hätte es den kurzen Austausch eben nicht gegeben. Patrizia war genervt und sie zeigte es deutlich. „Ach? Woher weißt du überhaupt, was ich vorhabe? Ich habe nichts gesagt.“ Sie sah ihn mit verschränkten Armen herausfordernd an.
„Ganz einfach!“ Wolta imitierte die Geste, nur sein Gesicht war dabei weit freundlicher. „Ich habe gesehen, wie du deine Reisetasche aus dem Schrank herausgesucht hast. Geholfen hat auch, dass du dabei gemurmelt hast: ‚Ich muss an die Kamera denken und die richtigen Notizbücher einpacken.‘ Du warst so beschäftigt, dass du wie immer nicht bemerkt hast, dass ich da war. Dann bist du nach oben gegangen und seitdem nicht mehr runtergekommen. Zudem hast du in den letzten Wochen den Dachboden kaum verlassen, was meist heißt, dass du an etwas arbeitest. Deshalb weiß ich es. Also, um was geht es und wohin werden wir fahren?“
Patrizia blickte auf ihren Schreibtisch und eine steile Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen.
„Ich komme mit und ich werde mich von dir nicht abwimmeln lassen. Also versuche es erst gar nicht“, stellte Wolta klar.
„Ich habe dich nicht gefragt und ich werde dich auch nicht mitnehmen. Das hier ist meine Angelegenheit und du bist mir zu langsam.“
Patrizia wusste, dass jetzt etwas begann, was sie von ganzem Herzen hasste. Ihr Bruder würde sie dazu überreden, ihn mitzunehmen. In der Vergangenheit hatte sie immer wieder versucht, ihn daran zu hindern, sie zu begleiten. Sie hatte ihn sogar beleidigt, ihn geschlagen und getreten. Doch er hatte sich nie davon in irgendeiner Weise beeindrucken lassen. Nur sein Blick war mitunter merkwürdig. Traurig, das Wort war es, das ihr jemand mal gesagt hatte.
Über die Jahre war er so groß und stark geworden, dass ihre Kraft der seinigen bei Weitem unterlegen war. Also wusste sie, bevor dieses Gespräch ein Ende fand, dass sie heute nicht allein abreisen würde. Sie konnte ihn nicht einmal von der Stelle bewegen, wenn er es nicht wollte.
„Egal was du planst, ich komme mit, Schwesterchen“, schnurrte Wolta mit ruhiger Stimme, was sie keinesfalls beruhigte. „Solltest du in einer Nacht- und Nebelaktion verschwinden wollen, finde ich dich dennoch, wie du nur zu gut weißt. Also, willst du jetzt weitertoben oder weihst du mich ein, damit ich dir nicht ganz aus Versehen deine Pläne zunichtemache?“
„Das wagst du nicht!“
„Oh doch!“
Und so ging es in einem fort.

 

Mein Freund, es mag dir seltsam vorkommen, dass ein erwachsener Mann so an seiner Schwester hing und sie dann sogar zu überreden suchte, dass er sie begleitete. Lass mich daher ein wenig ausholen.
Walter, genannt Wolta, ist der jüngere der beiden Geschwister und er liebte seine Schwester abgöttisch von dem Moment an, als er ihrer ansichtig wurde. Mehr noch als seiner Mutter folgte er ihr auf seinen kleinen Beinen, die lernen mussten, ihn sehr schnell zu tragen, weil Patrizia nicht daran dachte, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Es brachte nichts, sie zu ermahnen. Sie war ein Kind gewesen, das die wenigsten Erwachsenen so erwarteten, wenn sie sich ein Mädchen vorstellten. Du weißt, was ich meine. Kleine Prinzessinnen mit Zöpfen und Kleidern und sie spielen gern mit Puppen. Patricia war nichts davon, zerriss Kleider und Puppen und starrte nicht selten in die Ferne. Und wenn eine Winzigkeit nicht so war, wie sie sein sollte, schrie sie und der Zorn verzerrte ihr Gesicht. Wenn sie jedoch sprach, waren es keine Worte und Sätze, wie sie Kinder zu sagen pflegten. Sie hätten aus dem Mund eines Erwachsenen kommen können.
Wolta erfuhr sehr früh von der Sicht anderer Menschen auf seine geliebte Schwester. Aber er lernte ebenso, dass es für ihn nicht wichtig war, was diese dachten und leider auch sagten, egal, ob es nun Erwachsene oder Kinder waren, die ihren Eltern nachplapperten.
Sie war ihm nicht die große Schwester, die sie hätte sein sollen. Irgendwann an einem Tag in seinem Leben war es ihm egal. Einerlei, wie oft sie ihn abwies, ihn von sich stieß, Umarmungen mit Schlägen vergalt und Gespräche ablehnte: An diesem Tag hatte er beschlossen, ihr zu folgen, wohin sie auch ging, und dabei war es nicht wichtig, ob sie versuchte ihm zu entkommen. Niemals würde er sie allein lassen, denn er war ihr Bruder.

 

Wolta lächelte noch immer, völlig unbeeindruckt vom Blick seiner Schwester. Gar ein wenig provozierend wirkte er auf sie, wie er so vor ihr stand. Da tat der gebeugte Nacken dem Eindruck keinen Abbruch. Und auf diese Weise erreichte er sein Ziel. Die Erpressung gelang. Sie wurde ihn nicht los und sie beide wussten es. Und Patrizia wussten noch etwas: Ganz tief in ihrem Inneren wollte sie nicht allein losziehen. Sie wollte nicht allein sein, wenn sie der Welt und den Menschen darin begegnete, denn sie hatte Angst. Sehr große sogar, auch wenn es ihr mit jedem Lebensjahr mehr gelang, den Herausforderungen zu begegnen. Aber in diesen Tagen nach Weihnachten und den vielen Menschen, die sie erzwungenermaßen hatte ertragen müssen, war ihr Nervenkostüm sehr dünn geworden und so war sie froh über seine Intervention, wenn sie es sich auch nicht eingestehen mochte.
„Komm schon her und steh nicht rum!“, herrschte sie ihn an und rückte zur Seite, damit Wolta neben ihr Platz nehmen konnte. Die nächste Stunde hielt sie ihm einen Vortrag über ihre Gedanken, Annahmen und Pläne, wobei sie keinerlei Unterbrechungen duldete.
Wie üblich war er äußerst geduldig und ließ sie alles erklären. Es war klug, sich so zu verhalten, denn Patrizia wiederholte nichts. Wenn er jetzt nicht zuhörte, würde er es nicht wieder zu hören bekommen und mitunter hatte sich das bei ihren früheren Unternehmungen als äußerst problematisch herausgestellt. Die Ungeduld seiner Schwester hatte er daher in eine eigene Form der Geduld umwandeln müssen. Dabei waren sie aus demselben Holz geschnitzt – ähnlich temperamentvoll.
„So, und das bedeutet, dass ich heute noch abreisen werde“, schloss sie gerade.
„Aber du weißt doch gar nicht, wo das Phänomen sich zeigen wird“, gab Wolta zu bedenken.
„Das mag ja sein, aber wir haben keine Zeit. Ich muss die Nordlichter finden.“
Wolta seufzte. „Okay“, gab er widerstrebend nach, ungeachtet der riesigen Löcher in Patrizias Theorie und der Ungewissheit, wohin sie überhaupt fahren mussten. „Dann werde ich mal meine Sachen holen.“
„Du meinst das ernst?“
Er lächelte. „Natürlich. Versuch nicht, mir zu entwischen. Ich finde dich!“
Patrizia verweigerte sich den Luxus von Ärger, sondern ging einfach, um die letzten Sachen zusammenzuräumen.
Eine Stunde später hatten sie alles in Woltas kleinem Auto verstaut, um sich auf eine Reise mit unbestimmtem Ziel zu begeben.

 

Mein Freund, damit haben wir zwei Fäden und drei Menschen, die in dieser Geschichte ihre Spuren hinterlassen werden. Es wird Zeit, uns an den Ort zu begeben, an dem sich alles zutrug, und dort werden wir auf die treffen, die ebenfalls Teil der Geschichten sind. Und bevor du fragst, mein Freund: Alles, was ich dir erzähle, ist wahr und ich verspreche dir, am Ende der Geschichte wirst du dennoch an meinen Worten zweifeln.

 

Irgendwo am Rande eines Gebirgszugs, in einer weiten Ebene, befindet sich dieser Ort …

 

 

Credits

Cover:
Depositphotos:
gold festive christmas background (Subbotina)
Notes Staff – Vektorgrafik (angelp)
snow and stars are falling on the background (denisovd)
Musik Notes Blue Background (alexaldo)
Fall or Winter Season (noreenlhrpk)
three dimensional fractal clouds (agsendrew)

Innenleben:
Depositphotos:
three dimensional fractal clouds (agsendrew)
flute music instrument hands player (alenavlad)

mydesigndeals:
Feder – Aquarell „Cageless Birds“ (Annie Draws)