Chiron (AT)

Ein Epos wird geboren

Chiron (Arbeitstitel)

Genre: Fantasy/ SciFi

Reihe: 5 Bücher geplant

Trivia: Chiron ist nicht neu. Meine erste richtige Geschichte hieß Schatten der Vergangenheit und ich schrieb sie im Januar 2002. Sie war als Mehrteiler geplant gewesen. Leider ließ sie sich nicht beenden. 2015 entschloss ich mich zu einem Neustart. Geplant ist die Veröffentlichung, wenn die ersten drei Bände stehen. Derzeit sieht es gut aus.

Credits & Informationen

Chiron ~ Buch 1:

In einer Welt, die nur den Krieg kennt, kehrt ein Mann in das Land seiner Feinde zurück, in denen er trotz aller Feindschaft auch Freunde und eine Familie hat. Er ist auf der Suche nach einem Stück seiner Vergangenheit. Sich der Gefahr bewusst, begibt er sich auf diese Reise, bei der er hoffte, dass er nicht alles aufwirbelt, was ihn und seine Vergangenheit ausmacht. Ein Irrtum, der ihm das Leben kosten kann.

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Chiron ~ Buch 2:

 

Chirons Pläne sind nicht mehr seine eigenen, wenn er auch seine nicht aus den Augen verliert. Er findet sich als Verbündeter seines größten Feindes wider, der ihm sogar die Schlüssel zu seiner eigenen Macht übergibt, um ihn an sich zu binden. Aber sein Feind verbirgt ein eigenes Geheimnis und das bedroht ihr Bündnis. Gleichzeitig erkennt Chiron endlich, wer sein Freund ist und wer sein Feind.

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Chiron ~ Buch 3:

 

Die Freiheit hat sich Chiron bitter erkauft und dennoch verbietet er sich, einen Blick zurückzuwerfen. Mit neuer Kraft und zwei loyalen Gefährten an der Seite machte er sich auf, endlich diese Reise anzutreten, die einst in Alarika begann. Wird er das Geheimnis lüften können?

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Chiron ~ Buch 4:

Dunkle Wolken zeigen sich am Horizont und Verrat wird sichtbar. Doch er offenbart nur die Spitze des Eisbergs. Chiron zwingt es aber ein Versprechen einzuhalten, das er vor langer Zeit gab und damit seine Freiheit in die Hände seines Feind-Verbündeten zu legen, von dem er noch immer nicht weiß, ob der ihn liebt oder Chiron vernichtet sehen will. Chiron kehrt aber nicht allein nach Alarika zurück. Wird er seinen Feinde bezwingen können?

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Chiron ~ Buch 5:

 Das Geheimnis der Welt Chirons und all der Menschen, die auf ihr leben, wird gelüftet.

 

 

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Leseprobe – Buch 1 (Rohfassung):

 

 

Es war ein ererbter Krieg, der dreimal zwei Könige in drei Reichen berührte, sie in den Grundfesten erschütterte und so viele Seelen in das Reich der Dunklen Göttin verbrachte, dass die Totenfeuer Tag und Nacht schwelten und der Himmel auch bei Tag schwarz war.

Drei Königreiche waren es, als der Krieg begann. Das eine Königreich wurde ausgelöscht, das zweite blieb nur scheinbar unberührt, das letzte war am Ende des Krieges nur noch ein Schatten seiner selbst. Gewonnen hatte keines, verloren hatten alle und die meisten alles.

Aber als das fürchterliche Brüllen des Krieges verstummte, war nicht nur Stille über allen Gräbern und verheerten Schlachtfeldern. Es war mehr ein grauenhaftes Schweigen, das jedoch bald durch den Schrei nach Rache zerrissen wurde. Das, was noch überlebt hatte, wurde eingepfercht, gefoltert und getötet, bis nichts und niemand mehr blieb, der fähig gewesen wäre, Erinnerungen an eine andere Zeit tragen zu können.

Aus den unveröffentlichten Notizen niedergeschrieben von Kaambiz über die Kriege der Reiche Benazur, Kagan und Ekido seit Anbeginn der Zeitrechnung bis zum letzten zehnjährigen Krieg zwischen Benazur und Ekido nach dem Tod des letzten Angehörigen der königlichen Familie von Mehnana genannt Ekido.

Kaambiz von Mela, gelehrter Chronist des sechsten Grades der geheimen Akademie von Tarsicus, Hauptchronist seiner Majestät König Ohaid Kem aus dem Hause Shurah, König von Benazur

 

 

Der Hafen von Alarika

 

ALARIKA, HAUPTSTADT BENAZURS

IM 20. JAHR DER REGENTSCHAFT KÖNIG OHAID

DIE DUNKLE MÖGE IHN UND SEIN HAUS SEGNEN UND SIEBEN GENERATIONEN WOHLGESONNEN BLEIBEN

Chiron zuckte nicht einmal zusammen, als zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Herzschlägen ihn jemand in die Seite boxte. Er biss die Zähne zusammen und starrte stur geradeaus. „Dreckiger Ekider!“

Ein Zischen und Knurren war es, was ihn begrüßte. Einen Moment brauchte Chiron, dann richtete er sich demonstrativ auf, packte seinen Seesack fester und ging hocherhobenen Hauptes über den Oberen Markt Alarikas, der, wenn er die Zeit und die Gelegenheit gehabt hätte, einen überwältigenden Ausblick über den befestigten Hafen und über das Meer bis zum Horizont geboten hätte. Diese Stadt würde ihn nur für kurze Zeit ertragen müssen. Er kannte sie und ihre Bewohner gut. Das hier war einmal sein Zuhause gewesen. Jetzt war sein Zuhause nirgendwo. Aber seine Familie lebte hier und das war das einzige, was für ihn zählte.

Stoisch kreuzte er den Weg der Ekider, die ebenso den Zorn der Benazurer auf sich zogen. Doch im Gegensatz zu ihm trugen sie das Zeichen ihrer Schande in Form eines Halseisens, den hängenden Schultern und den leeren Blick der Besiegten.

Chiron wich Eseln, wütenden Händlern und neugierigen Reisenden aus vielen Reichen aus, soweit das überhaupt möglich war. Beim Tempel der Dunklen Göttin, der den Oberen und den Unteren Markt Alarikas miteinander verband und dessen Feuer Tag und Nacht brannten, überlegte Chiron für einen Moment, ob er der Schirmherrin Benazurs ein Opfer darbringen sollte. Ein absurder Gedanke, denn er glaubte an kein Wesen, das über die Menschen bestimmte und deren Lebenswege nach eigenem Gutdünken lenkte. Zum Guten, wie zum Bösen.

Zügig, aber ohne den Anschein von Flucht zu erwecken, bog Chiron in eine der Nebengassen, die parallel zur südlichen Hauptstraße Richtung Ekido verlief, und gestattete sich einen kurzen Blick zurück. Unten im Hafen an den hochaufragenden Klippen lag die Leucothe, das Schiff, das ihm zwölf Jahre Schutz und dessen Kapitän ihm eine Ausbildung ermöglicht hatten. Er würde es nicht mehr betreten.

Wenn ihn sein schmales Glück verließ, würde er nicht einmal den Grenzpass von Safwa erreichen, der über die Schwarzen Berge führte. Aber daran wollte er nicht denken. Es gab keine Alternativen.

Entweder Benazur oder die Wüste. Beide waren sie tödlich. Aber es gab auch gute Gründe, Benazur zu nehmen. An die dritte Möglichkeit verbot er sich zu denken. Die Leucothe oder überhaupt irgendein Schiff der Handelsgilde – er konnte auf dem Meer bleiben für den Rest seines Lebens.

Kurz vergewisserte er sich, dass er nicht mehr als nötig Aufmerksamkeit auf sich zog, dann lief er zügig durch die Eingeweide Alarikas, deren Häuserschluchten ihm seltsamerweise noch höher, aber auch farbenprächtiger vorkamen als er sie als Kind in Erinnerung mit sich trug.

„Verfluchter Ekider!“

„Tributpflichtiger!“

Das waren Worte, die ihm folgten. Mitunter auch Flüche, Zeichen der Abwehr und manchmal auch ein fauler Apfel.

Mit einem klatschen landete einer davon hinter ihm, als er ihm auswich. Die Kinder lachten und der Junge, der ihn geworfen hatte, grinste ihn herausfordernd an.

Chiron blickte zu den Männern und Frauen, die Zeuge geworden war. Sie wartete mit verschränkten Armen, aber auch mit den Händen auf Messern und anderen Waffen nur darauf, dass er die Geduld verlor.

Chiron versuchte sich zu erinnern, wo das Gasthaus lag, das er suchte. Die Stadt hatte sich weit mehr in den letzten zwölf Jahren verändert, als er es vermutet hatte.

Dann erkannte er mit Erleichterung ein Haus, das eines der vielen Badehäuser Alarikas beherbergte und aus dessen Fenster und Türen der weiße Dampf quoll. Alarikas Magen bestand aus Felsen und einem Netz kleiner Bäche und unterirdischer Flüsse. Das Geschenk der Dunklen an die Menschen in diesem Land. Heißes Wasser.

Chiron bog beim Badehaus ab und fand sich endlich zwei Straßenzüge weiter in der Straße wieder, wo sich das Gasthaus „Zum Fetten Schwein“ befinden sollte. Auch hier hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen und mehr als einmal war Chiron sich unsicher, ob er überhaupt richtig war.

Aber das war die Straße. Die Symbole an der Hausecke zeigten es ihm Er fuhr sie mit seinen Fingern ab. Als Kind hatte er sich auf eine Kiste stellen müssen, um sie zu erreichen und auch jetzt musste er sich auf die Zehen stellen. Es war ein Stern und ein Speer.

Langsam ging er noch mal zurück und versuchte zu erkennen, wo das Gasthaus eigentlich stehen sollte. Als er die Hauseingänge durchzählte, stand er vor einem Zinshaus. Das alte Gasthaus war abgerissen und an dessen Stelle ein Wohnhaus errichtet. Chiron packte die Sorge und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Er trat zurück und blickte zu den Fenstern hinauf in der Hoffnung, irgendetwas Vertrautes zu entdecken. Plötzlich musste er einem Schwall Wasser ausweichen, der ihm vor die Füße gekippt wurde. Die junge Frau, die gerade ihren Eimer geleert hatte, blickte erschrocken auf, wich dann bei seinem Anblick zurück und knallte mit einem erstickten Schrei die Tür zu. Chiron war solche Reaktionen gewohnt, wenn ihn auch die Art ein wenig überraschte. Meist wurden ihm eher Prügel angedroht oder er wurde angespuckt. Der Apfel war da nur eine Variante gewesen.

Seine dunkle Haut und die Narbe, die sein Gesicht auf der linken Seite zu spalten schienen, halfen nicht dabei, Vertrauen zu erwecken.

„Hey du!“, rief jemand über ihm und Chiron blickte hoch. Es war eine andere Frau, die nach ihm rief, jedoch ihre Gesichtszüge waren der jungen Frau eben nicht unähnlich, so dass Chiron die Mutter vermutete. „Was willst du?“, fragte sie.

„Ich suche die Gastwirtin und ihr Lokal „Zum Fetten Schwein“, aber ich sehe, dass es das Haus hier nicht mehr gibt. Weißt du, ob sie woanders hingezogen ist?“

„Du warst wohl schon lange nicht mehr hier. Das „Fette Schwein“ hat jetzt zwei Straßen weiter geöffnet. Halte dich links und dann müsstest du es eigentlich schon riechen.“

„Sie soll dich segnen“, erwiderte Chiron zum Dank und folgte der Anweisung. Die abwehrende Bewegung ignorierte er. Die Frau war ehrlich gewesen und hatte ihn nicht in die Irre geführt.

Er fand das Gasthaus wie versprochen an einem weitläufigen Platz zwei Straßen weiter, wo sich gerade viele Reisende samt ihren Reisetieren und Wagen sammelten, um hier Rast zu machen oder von hier aus ihre Reise Richtung Süden fortzusetzen. Der Weg, den er auch nehmen wollte. Chiron erinnerte sich an diesen Platz, wenn auch in einem weit schäbigeren Zustand.

Er ging an dem Brunnen und den Menschen und ihren Tieren vorbei. Die Schläge des Schmiedehammers klangen hell über den Platz und der Gemüsehändler schimpfte mit jemanden, während die Frauen des Bordells gegenüber dem Gasthaus nach ihrer Kundschaft riefen, die jedoch jetzt mehr an zottigen Witzen interessiert waren.

Chiron versuchte unsichtbar zu sein und nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf sich zu ziehen. Er betrat das Gasthaus, das um die Mittagszeit wie üblich gut besucht war.

Einen freien Stuhl zu finden, gestaltete sich dennoch nicht schwer. Er setzte sich einfach an einen freien Platz und wurde prompt von der Bedienung, einer jungen Frau mit einem schweren, geflochtenen Zopf entdeckt. „Was willst du?“, fragte es und Chiron bestellte Brot, Eintopf und Bier. Sie sah ihn einen Moment länger an, dann lief sie weiter. Ihr Anblick ließ Chiron das Herz aufgehen und nur mit Mühe konnte er seine Erleichterung aus seinem Gesicht verbannen.

Als die junge Frau wieder bei ihm vorbeitänzelte, schenkte sie ihm ein Lächeln und kam keine zwei Minuten später erneut bei ihm vorbei, um alles zu bringen und vier Tische weiter den dort sitzenden Gästen ebenfalls das Bestellte zu bringen. Chiron traf es nicht, dass sie ihn nicht erkannte. Sie hatten sich beide sehr verändert. Das letzte Mal war sie ein kleines Kind gewesen und er ihr Reittier und Spielgefährte. Jetzt war Nicoh eine junge, wunderschöne Frau, die die Köpfe der Männer verdrehte.

Chiron war nicht der einzige, der die grazilen Bewegungen des Mädchens bewunderte. Einer Tänzerin gleich wich sie Mensch, Tier, Tischen und Stühlen aus, ohne dabei auch nur einmal ins Straucheln zu geraten, während sie ihre schwere Last aus Tabletts, Krügen, Schalen und Tellern balancierte, als wöge sie nicht mehr als eine Feder.

„Nicoh, tanz für uns“, rief jemand nahe dem Kamin. „Ja, tanz für uns, Nicoh“, wurde der Ruf aufgenommen. Es knallte heftig aus der Küche und die Dame des Hauses, eine resolute Frau um die Fünfzig, schob sich zwischen den Männern hindurch und blickte wütend in die Runde. „Noch mal, Tenda, und du fliegst raus“, drohte sie, „Nicoh ist hier, um zu arbeiten und nicht, euch schöne Augen zu machen. Also, hier wird gegessen und ansonsten mein Mädchen in Ruhe gelassen, außer ihr seid auf Ärger aus.“

Die Antwort bestand in lautem Gejohle, das jedoch gutmütig klang. Der Gescholtene, mit Namen Tenda, rief ungesehen von Chiron, der sein Lächeln verbarg: „Ich werde es versuchen, Pari, süßeste Blume von allen hier. Aber deine Tochter ist der Sonnenschein unseres tristen Lebens. Ihre…“

„Tenda!“

Die Warnung war deutlich und das Lachen, das der Warnung folgte, ebenso.

„Ich geb‘ ja Ruhe!“, meinte der Mann und damit schwieg er wirklich.

Nicoh hatte nur gelächelte und folgte ihrer Mutter in die Küche, wo sie die nächsten Speisen holte. Die Wirtin warf bevor sie ebenfalls zurückging noch einen warnenden Blick in die wilde Runde, aber niemand wagte es, sie herauszufordern. Damit schien sie zu zufrieden.

Als sie Chiron sah, änderte sich kurz der Ausdruck in ihrem Gesicht. Überraschung und Schmerz, wie Chiron erkannte. Das alles geschah so schnell, dass ein Außenstehender den Wechsel nicht bemerkt hätte. Sie wischte sich die Hände ab und ging dann zurück.

Chiron wusste, was das hieß. Jetzt nicht. Später!

Er aß seinen Eintopf und sein Brot und trank sein Bier aus. Dann wartete und beobachtete er.

Man ließ ihn dabei in Ruhe und Chiron vermutete den Einfluss von Paris Hausregeln. Das hier war ein Gasthaus für Reisende von allen Inseln und Archipelen und es konnte sein, dass sich auch ab und an jemand aus Ekido oder den südlichen Stämmen hierher verirrte.

Endlich schlug die Glocke des Feuerturms drei und Chiron richtetet sich unwillkürlich auf. Das Lokal wurde unter lautem Protest geräumt. „Heute Abend“, rief Nicoh, „Gebt endlich Ruhe! Jeden Tag dasselbe. Also hört auf, so überrascht zu sein. Los, raus mit euch!“

Sie schwang den Besen und kehrte tatsächlich fast einen Gast von der Schwelle. Dann wandte sie sich Chiron zu und wollte das gleiche mit ihm machen.

„Du musst auch gehen, Seemann“, forderte Nicoh Chiron auf, der sitzen geblieben war.

„Lass ihn, Sonnenschein“, rief ihre Mutter aus der Küche. „Er ist ein Freund!“

Nicoh sah Chiron fragend an, der jedoch darauf nichts erwiderte. Er machte sich aber daran, dem Mädchen zu helfen, was dieses offen verwundert zuließ. Sie fegte den Boden, während er die Stühle hochstellte und den Eimer mit dem frischen Sand holte, um ihn im Gastraum zu verteilen, als Nicoh fertig war. Dann stellten sie zusammen die Stühle wieder runter.

„Du warst lange nicht mehr hier“, ließ sich Pari vernehmen, die sich mit einem großen Sack Rüben, drei Messern sowie diversen Schüsseln im Gastraum niedergelassen hatte.

Chiron setzte sich zu ihr und nahm sich ungefragt ein Messer, um ihr zu helfen. „Ich habe abgeheuert und werde es als Landratte versuchen“, erklärte er. Das war nur die halbe Wahrheit. Das wusste Pari auch. Sie musterte ihn, schälte ungerührt weiter. Das Essen musste gemacht werden, auch wenn ein alter Freund zu Besuch war.

Nicoh nahm sich jetzt selbst ein Messer. Sie blickte nicht ihre Mutter an. Es verriet sie, dass sie sich kurz ein Strähnte aus ihrem Gesicht strich und Chiron verstohlen ansah. Als sie sich in dessen Augen widerspiegelte, senkte sie ihren Blick sofort und wurde rot.

„Du bist groß geworden, Nicoh“, sagte Chiron leise. Sie blickte auf. „Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt. Als ich dich das letzte Mal sah, warst du noch ein kleines Mädchen.“

Pari lachte. „Vorsicht, mein Junge, sie ist nicht für dich bestimmt“, meinte sie.

Chiron hob seine Hände. „Ich habe nicht vor, mich mit dir anzulegen, Pari. Außerdem ist sie für mich wie eine Schwester und ich ihr Bruder.“

„Ein schöner Bruder, der sich nicht einmal verabschiedet, sondern einfach so für Jahre verschwindet und einen glauben lässt, dass er tot sei.“

„Dass ich tot bin, habe ich nie vorgegeben“, verteidigte sich Chiron betroffen, „Meister Parviz hat dir sicher …“

„Hat er nicht, der alte Taugenichts!“ Pari knallte das Messer auf den Tisch und schien kurz davor zu sein aufzuspringen. Sie wischte sich über die Schürze und suchte ihre Gefühle zu bändigen. „Nichts hat er getan, Chiron. Kein Wort, keine Nachricht. Er vergrub sich nach deinem Verschwinden für drei Wochen in seinem Verschlag und als ich ihn wiedersah, war er tot und die Ratten nagten an seinen Knochen. Er muss kurz, nachdem du Alarika verlassen hast, gestorben sein. Die Dunkle mag ihn auf seinem Pfad durchs Totenreich beschützen.“ Sie seufzte. „Viele sind gestorben in den letzten Jahren. Es ist, als würde die Dunkle die letzten derer holen, die den Krieg überlebt haben.“ Ihr Blick war voller Sorge und er ruhte auf Chiron. „Ich weiß nicht, warum du damals gegangen bist, aber außer, dass die Stadt jetzt nicht mehr so viele Ruinen hat und die Kanalisation wieder funktioniert, hat sich nicht viel verändert. Du bist hier nicht wirklich willkommen, mein Junge. Zum Glück scheinst du nicht mehr mit diesem grauenhaften Akzent zu sprechen, was vieles einfacher machen wird. Aber wirklich schützen wird es dich nicht, denn im Zweifel spricht dein Äußeres gegen dich, dann gibt es hier ganz schnell eine Schlägerei.“

Chiron zuckte mit der Schulter. „Ich habe Papiere, auch wenn mich das nicht vor den Leuten auf der Straße schützt. Ich bin ein Kind von den Waldstämmen südlich des Schwarzen Gebirges. Ebenfalls nicht gern gesehen, aber ohne Akzent glaubhaft genug, dass man mich weitestgehend in Ruhe lassen wird. Leider bin ich hier in Benazur nicht tabu mit meiner Narbe. Aber die eine oder andere Seele ist mit etwas Glück abergläubisch genug.“

„Was für andere ein Fluch ist, ist für dich wohl wirklich ein Segen. Darauf verlassen kannst du dich darauf aber wirklich nicht. Dafür gibt es mehr als genug Menschen mit weit schlimmeren Verletzungen.“

Nicoh rutschte unruhig auf ihrem Stuhl. Sie hatte aufgehört, die Rüben zu säubern.

„Mädchen, mach deine Arbeit!“, schimpfte ihre Mutter.

„Ich …“

„Nein, Nicoh, eigentlich müsste ich dich wegschicken, denn nicht alles ist für deine Ohren bestimmt. Aber mittlerweile bist du alt genug, um zu wissen, dass man nicht nach allem fragt und über alles tratscht, was einem zu Ohren kommt. Also, hör zu, schweige und denk dir deinen Teil!“

Nicoh seufzte, lächelte aber schüchtern, als Chiron sie anlächelte. Als ihre Mutter sie dabei ertappte, senkte sie mit roten Ohren ihren Kopf. Pari verlor darüber kein Wort. Ihr Gesicht war beredt genug.

„Du kannst hier bleiben, Chiron“, sagte sie an den Chiron gerichtet, „Aber nicht für lange. Unter dem Treppenaufgang ist eine kleine Kammer, meine Zimmer sind im Moment alle belegt. Du musst aber nichts dafür bezahlen und ich würde sowieso kein Geld von dir nehmen. Du gehörst zu uns, wenn auch leider nicht hierher, weil ich dich nicht schützen kann.“

Chiron blickte sie verwirrt an. „Ich hatte nicht vor, dich um einen Gefallen zu bitten. Eigentlich wollte ich nur kurz reinschauen und sehen, wie es euch geht.“

„Papperlapapp“, wehrte Pari ab, „du bleibst! Gleich schlägt es vier. Du wirst die Stadt über das Südtor verlassen. Bis du dort bist, die Kontrollen hinter dich gebracht hast, ist es acht und du wirst das zweite Tor nach der Militärstadt so spät nehmen, dass du die nächste Kaschemme nehmen musst. Wahrscheinlich den „Alten Pott“. Dieses Drecksloch und alles, was sich da noch befindet, sind flohverseuchte Drecksnester. Wenn ich es verhindern kann, wirst du dort nicht schlafen. Du bleibst hier und das ist keine Verhandlung, Junge! Im Gegenzug kannst du mir in der Küche helfen. Ich sehe, dass du ziemlich geschickt bist und wenn du ein achtbarer Seemann geworden bist, dann kannst du weit mehr als nur Rüben säubern.“

Chiron grinste. „Jawohl, Lady Pari“, erwiderte er, „Ich bin ein achtbarer Seemann geworden.“

„Oh, du Dämon und bei allen Höllenhunden der Dunklen“, rief Pari, „wenn du mich noch einmal Lady nennst, dann hau ich dich mit dem Holzlöffel. Du vorlauter Grünschnabel!“, zeterte sie. Nicht wirklich wütend, schnappte sie sich die erste Schüssel geschälter und zerkleinerter Rüben. „Hol die Zwiebeln aus der Küche! Für so viel Unverschämtheit wirst du sie allein schälen und zerkleinern.“

Chiron zwinkerte Nicoh verschwörerisch zu, die sich glucksend hinter ihrer Arbeit versteckte. Chiron aber erhob sich und folgte gehorsam der Wirtin in die Küche. Dort sah er sich unversehens von ihr umarmt. „Oh, ich habe mir solche Sorgen gemacht“, flüsterte sie mit belegter Stimme, „ich habe gebetet, dass die Dunkle dich beschützt.“ Sie schob ihn ein Stück von sich, um ihn näher zu betrachten. „Was auch immer du vorhast, ich will nichts davon wissen. Nur, bitte denk daran, dass ich eine alleinstehende Frau bin, die ihre Kinder beschützen muss.“

„Ich habe nichts vor, was dir und deinen Kindern schadet. Das verspreche ich. Es ist so viel Zeit vergangen, dass ich davon überzeugt bin, dass niemand mehr nach mir sucht. Ich bin nur irgendein Fremder, wenn auch keiner von der Sorte, die man gern sieht.“

Pari presste kurz die Lippen aufeinander und nickte dann. „Dann schäl die Zwiebeln, du Fremder“, wisperte sie.

Chiron blieb und half in der Küche. Bis spät in die Nacht als der Nachtwächter des Viertels die Sperrstunde ausrief und damit die Gäste in die Betten trieb, ging er Pari zur Hand und ließ sich nicht in der Gaststube blicken. Als Gast war er unauffällig genug, doch wenn man sah, dass sie einen jungen Burschen mit zweifelhafter Herkunft angestellt hatte, würde die Gerüchteküche zu köcheln anfangen. Chiron fragte sich, ob Faabris hier war und nahm sich vor, Pari nach ihrem Sohn zu fragen.

Chiron zog die Decke ein Stück höher und blickte in die Finsternis der kleinen Kammer unter der Treppe um sich. Er konnte nicht schlafen. Häufig quälten ihn Träume, an die er sich meist nicht erinnern konnte. Manchmal half es, wenn er sich selbst Erleichterung verschaffte. Selten war er dabei so allein gewesen, wie hier. Jetzt jedoch störte es ihn. Ihm fehlten der Wellengang und das Knarzen des Holzes, der Geruch – auch der Männer, mit denen er zusammengelebt hatte.

Die Umarmung Paris war die intensivste Berührung eines anderen Menschen, die er in den letzten zwölf Jahren erlebt hatte. Niemand war ihm so nahe gekommen. Bis zu diesem Moment hatte er nicht gewusst, wie sehr er es ihm gefehlt hatte.

Es kratzte neben ihm. Jemand lief über die nackten Dielen und schob die Tür zu seiner Kammer auf. Chiron hatte sich aufgerichtet. Er rechnete nicht damit, dass ihn jemand angriff, aber es verwunderte ihn schon, wenn Pari ihn um diese späte Stunde sprechen wollte. Ihre Tage waren lang und die Nächte entsprechend kurz. Als der Verschlag geöffnet wurde, blickte er zu seiner Überraschung in Nicohs Gesicht, die eine Kerze in der Hand hielt und verschwörerisch mit einem Finger ihre Lippen verschloss.

Chiron erhob sich schweigend und folgte ihrem Wink. Sie schirmte das Feuer ab, damit der Schein nicht nach außen auf die Straße drang, als sie die Gaststube betrat. In der Küche stellte sie die Kerze auf dem Sims der Feuerstelle ab, in der noch die Glut noch glimmte und angenehme Wärme verbreitete.

„Ich kann mich wieder erinnern“, sagte Nicoh, „du bist mein Ziehbruder. Chiron. Du hast mir Faabris ersetzt, als ich ihn so schrecklich vermisst hatte. Bitte verzeih, dass ich dich nicht gleich erkannt habe.“

„Du warst damals noch klein und es ist lange her“, nahm Chiron die Entschuldigung an. „Aber solltest du jetzt nicht schlafen?“

Nicoh winkte ab und ging zum Schrank, um zwei Tassen zu holen. Sie nahm heißes Wasser von der Feuerstelle und machte ihnen Tee fertig. „Ich kann nicht schlafen“, sagte sie, „manchmal werde ich wach. Immer wieder sehe ich, wie sie meinen Vater auf die Straße gezerrt haben, um zu sehen, ob er nicht doch noch für die Armee taugte. Dann haben sie ihn einfach zusammengeschlagen. Ich träume von dem vielen Blut und Schreien.“

Chiron kannte die Geschichte. Das war vor seiner Zeit gewesen. Nicoh war damals keine zwei Jahre alt gewesen, als die Soldaten kamen und jeden wehrfähigen Mann zwangsverpflichtet hattet. Das würde auch erklären, wo sich Faabris befand.

„Faabris ist jetzt auch in der Armee.“

Nicoh goss Wasser auf und reichte Chiron eine Tasse. Sie zögerte, als sie den Kessel zurückstellte. „Wenn er nicht freiwillig gegangen wäre, dann hätten sie ihn früher oder später sowieso geholt. Vielleicht holen sie auch mich noch. Wer weiß? Mutter sagt, dass es langsam genug sei. Der Krieg ist zu ende, der König sollte endlich die Kinder bei ihren Eltern lassen und die Eltern bei ihren Kindern. Aber so, wie es aussieht, ist es noch lange nicht zu ende. Mutter würde am liebsten die Anwerber aus dem Haus schmeißen.“

Chiron nippte an dem Tee. „Danke“, sagte er leise und setzte sich zu Nicoh, die ihr Tuch fester um die Schultern schlug.

„Ich bin froh, dass du nicht tot bist“, sagte sie flüsternd. „Ich glaube, Mutter hat um dich geweint.“

„Es tut mir leid …“

Nicoh schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, warum du gegangen bist. Wie du schon sagtest, ich war damals noch klein. Doch, wenn mein Bruder freiwillig zur Armee ging, um nicht wie unser Vater geholt zu werden, dann hattest du sicherlich auch deine Gründe, warum du gehen musstest. Heute ist es zumindest so, dass nicht mehr alles angeworben wird, was zwei Beine und zwei Arme hat. Tenda sagt das immer. Aber ich bin mir da nicht so sicher.“

„Tenda, der dich hat tanzen sehen wollen.“

Nicoh lachte hell. „Sie wollen mich alle tanzen sehen. Mutter meint, sie wären notgeile, alte Männer, die ins Bordell gegenüber gehen sollten und nicht ihrer Tochter nachstellen. Ich tanze nicht für sie.“

Chiron schmunzelte. „Das solltest du auch nicht, wenn du hier bist. Aber auf den Festen sollte jeder tanzen.“

Nicoh wurde ein wenig rot. „Ja, aber Mutter wird es nicht erlauben. Wenn es Straßenfeste und Stadtfeste gibt, dann ist das Haus voller Gäste und sie braucht jede Hilfe. Faabris ist noch für sechs Jahre bei der Armee, dann kann er endlich nach Hause und ich kann dann auch vielleicht …“ Sie seufzte stumm.

Chiron verstand sie. „Irgendwann wird es anders, denke ich“, meinte er, „oder hoffe ich es.“

Nicoh erhob sich. Sie musterte ihn intensiv und schien nach etwas zu suchen. „Ich glaube nicht, dass du daran glaubst. Aber die Dunkle hat ihre eigenen Pläne mit den Leben der Menschen. Wir können hoffen, wir können planen und wir können beten. Was jedoch geschieht, liegt in ihren Händen. Im Guten wie im Bösen. Ich bete, dass Faabris wieder nach Hause kommt und ich hoffe, dass seine Seele keinen Schaden genommen hat. Mara, sagt, dass viele nach dem Krieg nach Hause kamen, ohne wirklich zurückgekommen zu sein. Sie trinken viel Wein und Bier und sie schlagen sich mit anderen Männern und wenn sie verlieren, schlagen sie ihre Frauen und Kinder. Ich hoffe, dass Faabris nicht verletzt ist und wenn doch, dass er nicht nach Hause zurückkehrt.“ Chiron war versucht, Nicoh zu berühren. Ihr Trost zu spenden. Aber sie schlang ihre Arme um sich. „Mara ist meine Freundin“, flüstert sie. „Ich habe sie seit einer Woche nicht mehr gesehen.“ Der Schmerz in ihren Worten war greifbar und es gab nichts, was er tun konnte, um ihn zu lindern. „Bete, dass er gesund nach Hause kommt und bete, dass sie geflohen ist und ein besseres Leben findet“, flüstert er.

Nicoh nickte. „Bist du verletzt?“, fragte sie.

Chiron seufzte. „Ich war verletzt, als du mich kennen gelernt hast“, gestand er, „aber das ist lange her.“

Nicoh umarmte ihn plötzlich kurz und heftig und Chiron konnte die Wärme ihres Körpers spüren. Die Kraft, die in ihr steckte und der Geruch, an den er sich erinnerte – genauso wie an den von Pari, ihre Eintöpfe und die Seife, die sie immer noch verwendete. Es war, als wäre keine Zeit vergangen und fast vermisste er seine Krücken, die nahe bei ihm standen. Das hier war sein Zuhause. Wenn auch nur für eine kurze Zeit. Und diese Menschen waren seine Familie. So lange er lebte.

Chiron kämpfte mit seinen Gefühlen und schüttelte sie ab, um sich nicht überwältigen zu lassen.

„Mach die Kerze aus, wenn du gehst“, flüsterte Nicoh und huschte zurück in ihre Kammer unters Dach. Chiron hörte kaum ihre Schritte und ahnte mehr, wie sie nach oben lief.

Credits & Informationen

Bild vom Platzhalter-Cover: pixabay – Fotograf smarko