Nur keine Trigger

Ich kann das schreiben. Ich bin schon länger Autorin. Erwartungsgemäß! Das ist das Wort, das ich schreiben kann.
Erwartungsgemäß kommt man um das Wort Trigger beim Schreiben nicht herum. Der unbedarfte, unvoreingenommene Leser wird sich jetzt fragen, wo denn das Problem liegt. Da diese Leser selten sind, sondern der wissende und erfahrene Leser die Mehrheit bildet, ich aber jeden mitnehmen mag, wird wie immer ein kleiner Kreis gezogen.

Trigger tauchen immer wieder auf und die damit verbundenen Äußerungen. „Das triggert mich jetzt!“ „Du darfst das und das nicht sagen, denn das könnte ihn/ sie triggern, weil sie/ er das und das in seinem Leben durchgemacht hat.“ Usw. Völlig unabhängig übrigens davon, ob die betreffende Person tatsächlich getriggert ist oder sich einfach nur ein wenig gegen das Fell gestreichelt fühlt – echte Trigger machen einen fertig (sh. posttraumatische Belastungsstörung).

Die Frage, die meist nicht gestellt wird. Was sind Trigger?

Ernsthaft. Das müsste mal jemand fragen. Okay. Mach ich es halt.

In meinen Büchern, bevor sie beim Verlag landen, befindet sich nicht selten ein Warntext. Er ist Ausfluss dieses Triggerwarnunggedankens (oder -verwarnung?). Darin steht zum Beispiel sinngemäß, dass z.B. vor Irritationen des eigenen Weltbilds nicht gewarnt wird. Nicht vor Küssen. Nicht vor Lästerungen jeglicher Art und überhaupt. Jede Irritation usw. Wutanfälle sollen mit dem eigenen Therapeuten besprochen werden und die Kosten sind selbst zu bezahlen. Auch Anwälte und dergleichen brauchen nicht in Position gebracht werden. Lesen erfolgt auf eigene Gefahr und Rechnung. Das meine ich ernst. Wer liest, bringt sich selbst in Gefahr. Bisher wurden diese Texte nicht vom Verlag übernommen. Wer weiß warum.

Doch bevor ich hier weiter palavere. Schauen wir uns doch einfach mal an, was überhaupt Trigger sind. An sich ist es ein eher technischer Begriff. Über alle Beschreibungen hinweg geht es um einen Wechsel. Eine Änderung. Etwas passiert. Das Etwas löst bei einem anderen eine Kaskade von Reaktionen aus. Man könnte sagen, von still zu Bewegung. Von Ruhe zu Unruhe. In der Psychologie wird von Schlüsselreizen gesprochen. Ein Mensch reagiert auf einen Reiz und dieser Reiz setzt in aller Regel immer wieder die gleiche Reaktion in Gang. Meist eine Angstreaktion. Es gibt aber Wut, Schock usw. Traurigkeit ist auch eine mögliche Reaktion.
Mittlerweile sind den meisten Menschen posttraumatischen Belastungsstörungen einigermaßen bekannt. Sie treten vor allen Dingen nach Gewalterfahrungen auf. Sie haben etwas mit Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühlen und ähnlichen zu tun. PTBS, so Abkürzung, tritt dabei danach auf und dann ohne Vorwarnung, was dazu führt, dass Menschen mit Gewalterfahrung sehr schnell in eine psychologische Betreuung komplimentiert werden oder werden sollten. Auslöser sind dabei Geräusche, Worte, Gerüche, ein Bild usw. aber auch Gedankenketten. Was auffällt, es gibt nicht den Auslöser und sie sind nicht zu vereinheitlichen. Dennoch gibt es die eine oder andere Ähnlichkeit bei sich ähnelnden Ausgangslagen. Aber das muss nicht sein. Während bei einer gleichen Situation der eine Mensch später auf einen Geruch reagiert, zuckt der andere bei einem Geräusch zusammen und bekommt einen Anfall/ Aussetzer. Auch die Art der Reaktionen ist sehr unterschiedlich.
Auf keinen Fall ist das eine spaßige Angelegenheit.

Ziel der Warnungen ist es also eine Retraumatisierung zu verhindern. Also, was ich da mit meinem Text schreibe, ist völlig verantwortungslos. Ich gebe keine Warnungen raus und mache mich dann noch lustig?

Wenn das Leben so einfach wäre!

Was ich hier versuche, ist das Abstecken eines riesigen Feldes: Man stelle sich viele Millionen Menschen vor. Ich meine wirklich Millionen. Wer es kann, Milliarden. Jeder Mensch bringt seine eigene Biographie mit. Selbst wenn sie Haut an Haut gelebt haben, Geschwister sind, täglich dasselbe machen, wird jeder Mensch anders sein. Dieselbe Situation hat bei ihm andere Spuren hinterlassen als bei dem Menschen, den er berührt hat. Man stelle sich dann das komplexe Geflecht an Beziehungen vor. Politik, Worte, auch Essen, Lieder, Sex usw. Dann das, was die Vorfahren in einen gepflanzt haben. Kultur, Ansichten, Bedeutungen, Traditionen. Dinge, über die man sich nie wirklich Gedanken macht. Sie sind prägend für die Wahrnehmung. Für alles. Aber auch für wirklich alles.
Sieht noch jemand das, was ich sehe?
Wird einem ein wenig schwindelig dabei, oder?

Tief durchatmen. Das wird wieder.

Das ist im Übrigen der Ansatz, den ich bei Geschichten verfolge. Aber zurück zu Triggern und Warnungen und der unweigerlichen Frage, warum ich das scheinbar nicht ernst nehme.

Ich nehme Trigger ernst. Nur die Warnung nicht. Dazu einen Exkurs zu Walt Disney. Lust?

Jeder kennt die Geschichten von Walt Disney. Die Schöne und das Biest. Cindarella (Aschenputtel), Dornröschen, Die zwölf Schwäne, Hensel und Gretel. Und viele, viele andere. Wunderschöne Geschichten. Das Gute gewinnt, das Böse verliert. Alles wunderschön und meist ohne Tote. Selbst der Glöckner von Notre Dame lebt weiter.
Kennt jemand die richtigen Märchen?
Die Stiefschwestern von Aschenputtel. Die eine muss sich einen Zeh abschneiden, die anderen die Hacke um in diesen verdammten Schuh zu kommen. Dornröschen wird vergewaltigt in einer Version des Märchens.
Man könne Kindern diese Gewalt nicht zumuten, war der Gedanke hinter den netten Märchen. Aber auch Erwachsenen nicht. Ich weiß nicht, ob das Ausblenden von Gewalt und Gewalterfahrung unsere Welt besser macht. Ich würde mal sagen, nein. Märchen haben in der Menschenwelt immer dieselbe Funktion gehabt. Sie sollten uns die Welt erklären. Jenseits von Kirche und Bibel und Koran und Tempel und Tora und was weiß ich. Sie zeigten die Abgründe menschlichen Verhaltens und sie gaben teilweise auch Handhabungen mit. Sie warnten vor der Bösartigkeit des Gegenübers und gaben Hinweise, worauf zu achten ist.
Geschichten und Märchen haben diese Funktion noch immer. Jetzt zurück …

Triggerwarnungen.

Ich kann nicht davor warnen. Es ist einfach nicht möglich. Und die Gründe dafür sind vielfältig. Es gibt einfach zu viele Menschen mit sehr unterschiedlichen traumatischen Erfahrungen. Mit unterschiedlicher Tiefe und unterschiedlichen Stadien der Heilung. Das ist einfach nicht möglich. Lesen gibt zudem jedem Menschen die Möglichkeit innerhalb eines sicheren Raumes Erfahrungen zu sammeln oder Erfahrungen zu wiederholen. Es ist Fiktion. Wenn ein Mensch darauf reagiert und sehr heftig darauf reagiert, dann muss er Hilfe suchen. Es gibt hier keine Schuld. Es gibt aber die Verantwortung für sich selbst. Der Autor weiß in aller Regel nicht, welche Leser seine Geschichte finden.
Das so viel zu den schweren Fällen.

Und dann gibt es noch die Leser!

Die Triggermissbraucher. Das hat mich jetzt aber getriggert!

Nix hat es. Es gibt einen Unterschied zwischen einer psychischen Reaktion aufgrund einer Gewalterfahrung und dem Aufstören und Aufwühlen von Erwartungen. Und hier liegt der zweite Grund begraben, warum ich nicht warne. Es ist meine Aufgabe, mich unabhängig von Sichtweisen, Traditionen und Überzeugungen zu äußern. Nicht selten sogar gegen meine eigenen. Sie sollen eine Reaktion provozieren. Welche auch immer (das lässt sich nicht immer – wie gesagt Vielfalt – steuern).

Ziehen wir noch mal das Bild von der Menschheit heran. Die Milliarden. Jede einzelne Biographie. Es sind so viele. So viele Blicke auf die gleiche Welt, so dass es Milliarden Welten sind und nicht nur eine. Meine Aufgabe ist es nicht, jede einzelne Erwartung und Filterblase zu entsprechen und zu bestätigen. Im Gegenteil. Es ist meine Aufgabe, festgefügte Erwartungen aufzubrechen. An der glattgepflegten Oberfläche Kratzer zu hinterlassen. Ein Jucken zu verursachen. Behagen und Unbehagen nebeneinander zu legen. Den Voyeurismus herauszufordern und die Abscheu. Den Spiegel zu polieren und hochzuhalten. Sieh dich, sieh mich. Sieh den anderen. Frage, wer du bist im Vergleich zu dem, den siehst. Hört sich hochtrabend an. Ist es nicht. Denn schauen wir doch auf die vielen Märchen dieser Tage. Den Heldinnen und Helden, die die Welt retten, ist es doch ziemlich eindeutig, oder? Wer wollen wir sein? Wer sind wir tatsächlich? Und es gibt noch so viele weitere Fragen.

Ich habe die Wahl, bei einer Vielzahl von Menschen Erwartungen zu erfüllen. Sie zu streicheln und zu bestätigen. Oder eben auch nicht. Aber das ist kein Trigger, wenn ich keine Erwartungen erfülle. Das ist kein Trigger, was sich da auf die eigene Seele gelegt hat. Das ist nur der eigene Narzissmus, der sich da regt und sich nicht bestätigt sieht. Das Unbehagen, dass man sowieso schon die ganze Zeit hatte und jetzt sieht man den Abgleich. Meine eigenen Gedanken. Meine Vorstellungen und sie sind nicht dem Wunsch gemäß, den ich hege.

Das ist übrigens keine Verurteilung. Ich ver- und beurteile nicht. Ich bin nur der Beobachter und ich habe einen ausgeprägten Humor. Schwarz wie die Nacht und ich bin ein Widerspruchsgeist. Meine Passion. Mein Narzissmus. Wer bin ich in dieser Welt?

Ich bin die, die die Katze gegen den Strich kämmt.

In diesem Sinne in diesem Theater.