Es geht ein Virus um.

Es ist ein Virus, gegen den es keine Medizin gibt. Kein Heilmittel. Er ist stark und er ist gefährlich.

Seit einigen Wochen beobachte ich vermehrt seltsame Beiträge bei Facebook. Autoren werden vorsichtig, teilen mit, dass sie eine Auszeit nehmen und nicht wenige nennen als Grund bösartige Reden, spitzfindige Bemerkungen, 1-Stern-Rezensionen*) auf amazon aus Rache und anderes – manchmal auch aus weit weniger offensichtlichen Gründen. Es gibt Verleumdungen und Beleidigungen. Dabei sind zwei Gruppen zu bemerken, die sich als Quelle entpuppen: Die Fanbase eines Autoren und/ oder Autoren selbst.

 

Der Virus, der sie befallen hat, heißt Neid.

Ich spreche jetzt aus meiner persönlichen Erfahrung heraus und die speist sich nicht nur aus schönen Erinnerungen, aber ganz bestimmt nicht nur aus schlechten. Bitte daher keine Verallgemeinerung daraus ziehen. Erfahrungen sind immer persönlicher Natur.

Für mich teilt sich der Neid in zwei Varianten. Die, die einen anspornt und dazu bringt, besser zu werden. Und die Form von Neid, die einen es als einen gangbaren Weg sieht, den Konkurrenten niederzumachen. Ihm den Boden unter den Füßen zu nehmen. Fertig zu machen, bis er nicht mehr aufsteht.

Ich habe meinen Neid, den ich ganz bestimmt habe, genauer angeschaut und erkannt, dass er auf mich zwei Effekte hat. „Haben will!“ und „Auch können will!“

Neid löst bei mir, wie bei seltsamen Mustern und Bewegungen, also eher den „Hinschaueffekt“ aus. Bei „Haben will“ geh ich meist einkaufen – seit dem ich mein eigenes Geld verdiene, eine leichte Angelegenheit. Vorher etwas schwieriger.

Bei „Auch können will“, bin ich dabei, den Dingen auf den Grund zu gehen. Auf die Idee, den anderen niederzumachen, bin ich nie gekommen (Jammern und Fluchen ist dabei auch mal drin – man muss ja irgendwie auch mal Luft bekommen, schließlich ist man an manchen Tagen im Herzen ein Kleinkind mit entsprechender Aufmerksamkeitsspanne und der Tendenz, sich auf den Boden zu werfen).

Deshalb war es für mich sehr verwunderlich, als ich Neid von der anderen Seite kennen lernte. Mit der Sturheit ausgestattet, mir anzueignen, was mir gefällt und neue Wege zu suchen, bekannte zu nehmen und dann mich von Blümchen ablenken zu lassen, gibt es einen Effekt, der nicht zu unterschätzen ist: Er nennt sich Entwicklung.

Das hat wiederum den Effekt, dass man meist gut wird, in dem was man tut und damit erzielt man Aufmerksamkeit, was wiederum zu dem führt, was mich mit der anderen Form von Neid Bekanntschaft schließen ließ.

Darin steckt eine traurige Logik.

Das, was mir gefällt, hat Einfluss auf mich und wenn es mir gefällt, verstärkt sich der Einfluss und ich beginne mich zu verändern. Das, was ich tue, mache ich dann gewöhnlich 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche. Es lässt sich nicht abschalten, außer es verliert seinen Reiz. (Hört sich angeberisch an, oder? Nein, ist nur eine Tatsache. Man hört nicht auf, so zu sein, wie man ist. Neugierig, offen, und noch mal neugierig. Und Träume sind eine witzige Angelegenheit.)

Man könnte meinen, dass macht einen einsam. Defacto, ja das kann passieren.

Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Aber ich hatte das unglaubliche Glück, in meiner Kindheit die Erfahrung machen zu dürfen, dass es noch mehr Menschen gibt, die so ticken wie ich. Ich habe von ihnen gelernt. Vieles. Technik. Geisteshaltung. Die Kultur des Austauschs. Das Fachsimpeln. Den gemeinsamen Spaß. Witze, die kein anderer versteht. Alles ein wenig nerdig.

Jetzt könnte sofort der Reflex kommen: Ohhhhhh, Kopieeeeeee! +lautes Raunen im Plenum+ Die klaaaauuuuuuut! Wer weiß, ob das alles von ihr isssssssst, was sie da so macht!

Nö!

Und nö!

Und … hey, wer von euch lebt in einem Vakuum?

Der Mensch ist Mensch, weil er zu kommunizieren versteht. Er gibt von einer Generation Wissen weiter an die nächste Generation, die wiederum dieses mehrt, verändert und weiter teilt. Das in einem fort und so lange, wie niemand diesen Prozess unterbricht. Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und den Menschen, die uns an diesem Wissen teilhaben lassen und ließen. Angefangen von der Art, wie wir uns kleiden, wie wir sprechen bis hinüber zur Kunst.

Ich bin seit etwa meinem 8./ 9. Lebensjahr in Kreisen unterwegs, die man als Künstlergruppen und Künstlerkreise bezeichnet. Es gibt und gab unter Künstler immer wieder welche, die nicht zum Einsiedlerleben neigten. Sie bildeten und bilden auch heute noch Gruppen und Grüppchen und das ist mitunter mit Magie verbunden.

In solchen Gruppen geschehen sehr seltsame Dinge. Das ist kein Geheimnis, wenn ich darüber erzähle. Das ist einfach so. Es entsteht dabei eine Atmosphäre des Austausches, der Unterhaltung, des Arbeitens, des Kämpfens, des Zweifelns, des gegenseitigen Helfens, des Lachens, der Musik, der Bewegung, der Farben, dem Geruch von Ölfarben, dem Klappern von Tastaturen usw. Einerlei in welchem Medium Künstler tätig sind, sie sind in der Lage, mit jedem anderen Künstler, wenn sie sich darauf einlassen, diese Magie zu erschaffen.

Dabei entstehen Dinge, die es so ohne dieses Miteinander niemals gegeben hätte. Das einfachste und das gleichzeitig komplizierteste Beispiel sind improvisierte Jazz-Sessions. Da kann man den Effekt sogar hören.

Diese Form des Austausches entsteht übrigens auch dann, wenn die einzelnen Künstler in unterschiedlichen Medien unterwegs sind und sich dann austauschen. Es ist unglaublich und es ist ein erhebendes Gefühl.

Was hat das jetzt mit Neid zu tun?

Neid der zerstörerischen Art führt dazu, dass Künstler vereinzeln. Vereinsamen. Keinen Austausch wagen. Sie selbst zerfressen sich an dem Glauben, dass sie bestohlen werden könnten. Dass sie sich etwas aussetzen, das die zerstörerische Form des Neids ist.

Und da haben sie leider Recht. Jup. Passiert. Unter Garantie!

Es ist eine stete und traurige Wiederholung von Geschichte und es macht sehr viel kaputt.

Doch das passiert auch so, selbst wenn man sich zurückzieht und sein Ding allein durchzieht. Vereinsamung und Vereinzelung schützt einen nicht vor Menschen, die einem die Butter auf dem Brot nicht gönnen. Aber man wird durch diese Form von Neid in einer Art bestohlen, die man nicht einmal mit Händen greifen kann. Der Schaden ist immens.

Ich selbst, hatte, wie schon erwähnt, das zweifelhafte Vergnügen – mehr als einmal. Ich habe sogar fest damit gerechnet, da es schon mehr als einmal geschehen ist. Denn anders kommt es selten. Menschen sind berechenbar. Für meinen Geschmack zeigte sich der Effekt etwas zu früh. Aber so ist es halt.

Ich habe daher angefangen zu sortieren, zu filtern und ein wenig zurückzutreten. Aber aufgeben hat noch nie zu meinen Charaktereigenschaften gehört. Man könnte sagen, ich neige zur Sturheit. Irgendwann wird mir das zum Verhängnis.

Heißt, der Neid der anderen, die denken, dass einem alles in den Schoß fällt und einem ein bestimmter Erfolg nicht zusteht und dass man seinen Lieblingsautoren damit schadet oder dass der eine Schriftsteller durch den Erfolg des anderen Schriftstellers herabgesetzt wird, kann ich nicht ausrotten. Aber ich kann damit umgehen.

Im Moment probiere ich für mich aus, was geht und was nicht geht. Rückzug ist nur insoweit eine Option, wie es mir in den Sinn kommt. Ein tägliches Abwägen.

Doch eines sei jedem gesagt: Ich bastel nicht an einer Webseite, wenn ich mich ins Bockshorn jagen lassen würde. Das sei denen gesagt, die Angst haben, dass ich mich einschüchtern lasse. Und das sei denen gesagt, die glauben, dass ich mich einschüchtern lasse und eine Kerbe in ihren Baseballschläger ritzen möchten.

Eine breite Basis. Der Austausch von Künstlern hilft einem auch in dieser Phase und ich kann jedem Autor, jedem Künstler egal welchen Mediums nur raten, sich Freunde zu suchen, die in der Lage sind, auch mal zurückzutreten (nicht lange, fünf Minuten –hey, wir sind Künstler und immer irgendwie zu laut – von Ausnahmen abgesehen), einen in den Arm zu nehmen oder aufzuhelfen. Davon gibt es eine ganze Menge und sie wissen in aller Regel immer, wie man sich gerade fühlt, denn sie hatten das Glück oder das Pech genau das auch schon einmal zu fühlen.

So!

Brandrede beendet.

Käffchen?

 

PS: Ich merke gerade, dass das es dazu führt, dass ich mich wieder zu Rezensionen hinreißen lasse. Oh, ich spiele sooo mit dem Feuer. Verdammte Kinderkacke! Naja, das nennt man dann wohl Trotz! 😉

 

 

 

 

 

*) Es gibt natürlich mehr als eine Form und mehr als einen Grund von 1-Stern-Rezensionen.

 

 

 

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Credits

Bild: Depositphotos (pszaber.gmail.com)